Szene 30. Im Schatten der Entscheidung – das Bündnis der Vertrauten
Die Sonne sank hinter die Dächer Berlins. Elli ging durch die schmalen Straßen des Wrangelkiezes zwischen Altbauten, an kleinen Bistro-Tischen vor den Cafés vorbei und entlang von Fassaden, die mit Graffiti überzogen waren.
Stimmen mischten sich in verschiedenen Sprachen, aus offenen Türen drangen Musikfetzen nach draußen.
Der Geruch von Kaffee lag in der Luft, vermischt mit einem Hauch von Sandelholz und Jasmin – wie von brennenden Räucherstäbchen.
Vor einem kleinen Laden zog ein süßlicher Duft von Gewürzen an ihr vorbei, den sie nicht genau einordnen konnte.
Doch sie schritt zügig weiter.
Ihr Herz schlug ungewöhnlich schnell, je näher sie Adisas Wohnung kam.
Das „Rabbit Hole“ und Köln lagen hinter ihr.
Und doch fühlte sich diese Stadt nicht wirklich anders an.
Vertraut –
und zugleich fremd.
Die Tür öffnete sich.
Adisa stand im Rahmen, ein warmes Lächeln auf den Lippen.
„Komm rein.“
Elli trat ein.
Farben.
Stoffe.
Der Geruch von Gewürzen lag in der Luft.
„Du siehst aus, als wäre etwas passiert.“
Adisas Miene war ernster geworden, als sie Elli mit einer einladenden Geste hereinbat.
„Aber komm erst mal in Ruhe an.“
Im Wohnzimmer breitete sich eine warme, einladende Atmosphäre aus. Adisa trug ein traditionelles indisches Gewand, das ihre zierliche Statur betonte und in lebhaften Farben strahlte. Ihr Nasenpiercing glitzerte im Licht der Abendsonne, und als sie sich niederließ, warf sie Elli einen fragenden Blick zu.
Elli setzte sich etwas steif auf ein kostbar aussehendes Sitzkissen und atmete tief durch, suchte nach den richtigen Worten. „Adisa, ich brauche deine Hilfe.“ Ihre Stimme zitterte, doch in ihren grünen Augen loderte ein Feuer, das nicht zu übersehen war.
Adisa lehnte sich leicht vor.
„Was ist los?“
Elli zögerte.
Ihre Finger verhakten sich ineinander.
„Du kennst doch die Leute aus der Patientenbewegung …“
Adisa nickte langsam.
„Lio ist dabei.“
Ein kurzer Atemzug.
„Wir haben etwas über MedüX Pharma herausgefunden.“
Adisas Blick wurde wacher.
„Was meinst du mit ‚etwas‘?“
Elli schluckte.
„Es geht nicht nur um Medikamente. … Sie greifen sogar Menschen an.“
Adisa runzelte die Stirn.
„Wie meinst du das?“
Elli hob den Blick.
„Eine Freundin von uns … Maja.“
Sie stockte.
„Mit ihr stimmt etwas nicht mehr. … Ich weiß nicht, wie ich das beschreiben soll. Es ist, als hätte man ihr etwas genommen. Etwas Wichtiges.“
Elli sprach weiter.
Leise.
Abgehackt.
Von Drohungen.
Von Nachrichten.
Und immer wieder von Maja und wie sehr sie sich über ihren Zustand sorgten.
Adisas Augen weiteten sich, und für einen Moment herrschte Stille. „Das ist eine extrem dunkle Geschichte, und da geht es um sehr viel. Warum bist du hier, Elli? Kann ich euch helfen?“
„Es ist kompliziert. Und gefährlich.“ Elli senkte den Blick, als die Bilder aus ihrem Chat mit ChatGPT vor ihrem inneren Auge erschienen.
Nach kurzer Zeit blickte Elli auf und sah Adisa direkt an.
Einen Moment lang sagte sie nichts.
Dann fügte sie hinzu: „Ich brauche mehr als nur Hilfe.“
Adisa runzelte die Stirn.
„Was meinst du damit?“
Elli atmete ein. Sie zögerte.
„Wir brauchen Zugang zu ihren Systemen.“
Adisas Blick veränderte sich.
„Elli …“
Elli fuhr fort, schneller sprechend:
„Wir kommen sonst nicht an die Beweise. Alles, was wir haben, reicht nicht. – Und wenn wir nichts tun, verschwinden die Spuren.“
Sie stockte.
„Oder nicht nur Spuren … sondern auch Menschen, befürchte ich.“
Elli machte eine Pause und senkte den Blick.
„Ich kann das nicht allein … Adisa.“
Stille.
Adisa sagte nichts.
Ihr Blick lag noch immer auf Elli.
Dann lehnte sie sich zurück. Ihre Finger glitten unruhig über den Stoff des Tischläufers. Ihr Tonfall war leicht heiser, als sie sagte: „Du weißt, was du da sagst.“
Elli nickte. Im Raum herrschte erneut Stille.
Adisa atmete langsam aus.
„Das ist kein Spiel mehr.“
Elli schüttelte kaum merklich den Kopf.
Adisa warf einen kurzen Blick zum Fenster. Die Lichter des Sonnenuntergangs auf der Stadt draußen schimmerten rötlich auf den Vorhängen.
„Wir sind ein Cyber-Security-Team. Wir wechseln damit die Seite“, sagte Adisa leise.
Keine Antwort. Die Stille wurde bleischwer.
Eine längere Pause entstand.
Adisa spürte Ellis Verzweiflung, ihre Entschlossenheit.
„Wenn wir das tun …“, sagte Adisa schließlich und sah Elli an. „… dann gibt es kein Zurück.“
Elli hielt ihrem Blick stand. „Ich weiß.“
Als Elli kurz darauf die Wohnung verließ, fühlte sie sich erleichtert. Sie hatte ihre Karten auf den Tisch gelegt, und nun lag es an Adisa, ihre Entscheidung zu treffen.
Adisa verfolgte Elli mit ihrem Blick, bis sie hinter der Tür verschwunden war, und blieb dann für einen Moment regungslos sitzen.
Sie hatte Elli noch nie so verletzlich erlebt.
Die Stille im Raum war nicht leer.
Sie war dicht.
Aufgeladen.
Ihr Herz schlug ungewöhnlich schnell, als würde es nach etwas suchen, das noch keinen Namen hatte.
Langsam hob sie die Hand und berührte den kleinen goldenen Ring an ihrer Nase. Ein Geschenk ihrer Großmutter.
Ein vertrautes Gewicht.
Ein Anker. Ein Stück Heimat.
Für einen Augenblick schloss sie die Augen.
Da war Ellis Stimme noch im Raum.
Ihre Worte.
Nicht laut – aber unausweichlich.
„Wir brauchen Zugang.“
Adisa atmete ein. Sie öffnete die Augen.
Die Farben im Raum wirkten intensiver als zuvor.
Die Stoffe.
Das warme Licht der Lampions.
Die feinen Muster, die sich über die Wände zogen wie Erinnerungen.
Hier war sie immer sicher gewesen.
Zwischen den Welten –
und doch gehalten.
Doch jetzt fühlte sich selbst dieser Ort anders an.
Nicht fremd.
Aber verschoben.
Ihr Blick glitt zum Fenster.
Draußen hatte sich die Stadt verändert.
Das letzte Licht war verschwunden, und die ersten Sterne begannen zu erscheinen – zögernd, fast tastend.
Adisa stand auf, ohne sich bewusst dafür entschieden zu haben.
Ihre Schritte waren leise.
„Das ist kein Spiel mehr“, murmelte sie erneut in die Stille.
Die Worte klangen nach.
„Wir wechseln die Seite.“
Sie blieb am Fenster stehen.
Ihr Spiegelbild lag schwach im Glas – überlagert von der Nacht dahinter.
Zwei Ebenen.
Keine klare Grenze.
Sie dachte an ihre Arbeit.
An Systeme, die geschützt werden mussten.
An Regeln.
An rote Linien, die man nicht überschreiten sollte.
Und dann an Elli.
An ihren Blick.
Etwas zog sich in ihr zusammen.
Sie dachte an Ellis grenzenlose Hilfsbereitschaft.
Auch Adisa hatte in der Vergangenheit erfahren, wie verlässlich Elli an ihrer Seite blieb.
Elli war inzwischen weit mehr als nur eine Kollegin. Sie war fast ein wenig Familie, die sie hier in Berlin sehr vermisste.
Adisa dachte an ihre Eltern. Hatte sie ihre Eltern enttäuscht, als sie sich entschloss, ihre Heimat zu verlassen? Lief sie nun Gefahr, auch noch die Ehre der Familie zu beschädigen, wenn sie Elli half?
Adisa schloss die Augen, atmete tief ein und versuchte, sich das Bild von Delhi vorzustellen. Die Straßen waren immer voller Leben gewesen, der Duft von Gewürzen und Räucherstäbchen schwebte durch die Luft. Ihre Familie lebte noch immer dort, ihr Vater immer stolz auf ihre Karriere, ihre Mutter immer mit einem besorgten Blick auf die Welt.
Vielleicht tat sie ihnen unrecht.
Ihr Vater hatte nie blinden Gehorsam verlangt – nur, dass sie tat, was richtig war. Sie dachte an einen seiner Grundsätze: „Wenn du siehst, dass jemand leidet, und du kannst helfen, dann hilf.“
Bestand nicht eigentlich das Wesen ihreres gesamten beruflichen Handelns daraus, dass sie für die Sicherheit der Gesellschaft arbeitete? Dabei war ihr ständig bewusst, dass ihr Wissen eine Waffe war. Doch sie konnte diese Waffe für das Bessere einsetzen.
Und sie wusste, dass es Linien gab, die man nicht überschreiten durfte. Sie wusste nämlich nur zu gut, dass dieses gesamte Feld ein zweischneidiges Schwert darstellte.
„Aber es ist doch für das Gute. Es ist für das Wohl der Allgemeinheit. Für den Schutz der Menschen, die bereits jetzt leiden müssen und die bedroht werden. Wir können nicht tatenlos bleiben“, dachte sie weiter.
Ein leiser Funke regte sich in ihr.
Kein loderndes Feuer.
Noch nicht.
Eher ein kaum sichtbares Glimmen –
trotzig,
wach.
Adisa legte die Hand gegen das kühle Fensterglas.
„Wenn wir das tun …“, flüsterte sie.
Der Satz blieb unvollendet.
Draußen flackerte ein Licht auf.
Irgendwo.
Vielleicht nur eine Reflexion.
Vielleicht mehr.
Adisa schloss für einen Moment die Augen.
Dann öffnete sie sie wieder.
Blieb einfach stehen.
Zwischen Zweifel und Entschlossenheit.
Zwischen dem, was sie war –
und dem, was sie vielleicht werden würde.





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