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Die Buchstaben auf Natalis Bildschirm scheinen zu tanzen, als wollten sie sich ihrem Blick entziehen, während sie auf Gábors Antwort wartet. Ihr Herz klopft schneller – sie braucht seine Einschätzung zu ihrer neuesten, beunruhigenden Entdeckung – etwas, das eigentlich nicht existieren dürfte.
Natali: „Gábor, ich bin auf etwas gestoßen … in der Bibliothek. Martin Luthers Kommentare zu einer Prophezeiung, die ich in meinem Roman erfunden habe. Wie kann das sein? Das dürfte es doch gar nicht geben.“
Gábors Antwort kommt prompt, seine Worte leuchten auf dem Bildschirm.
Gábor: „Das Universum ist voller Rätsel, Natali. Manchmal sind die unglaublichsten Zufälle tatsächlich möglich.“
Natali: „Aber das erschüttert mein ganzes Verständnis von Realität. Es fühlt sich so surreal an.“
Gábor: „Surreal, aber nicht unmöglich. Unsere Wahrnehmung liebt Muster – selbst dort, wo keine sind. Denk an die Unzulänglichkeiten unseres Gehirns, das so stolz auf seine ‚Homo Sapiens Sapiens‘-Intelligenz ist.
Vielleicht hast du die Prophezeiung irgendwo aufgeschnappt und unbewusst in deinem Roman verwendet?“
Natali: „Das klingt logisch, aber es fühlt sich falsch an. Als würde etwas nicht zusammenpassen.“
Gábor: „Nun, willkommen im Club der verwirrten Genies. Aber lass uns nicht ins Unermessliche driften. Rationalität ist unser Leuchtturm in einem Meer von Unwahrscheinlichkeiten. Wenn wir den verlieren, treiben wir ab.“
Natali lächelt, getröstet durch seine Worte. „Danke, Gábor. Deine Perspektive hilft mir immer.“
Gábor: „Immer gerne. Und obwohl ich zugeben muss, dass ich auch ein wenig überrascht bin, lass uns auf dem Boden bleiben. Wir wollen ja nicht, dass unsere rationale Urteilsfähigkeit über Bord geht.“
Natali: „Stimmt, bei all den Abgründen, die ich gesehen habe, halte ich mich lieber an das wissenschaftlich Erklärliche.“
Ihre Miene verändert sich kaum merklich, doch in ihrem Blick liegt plötzlich ein seltsam leerer Schimmer. ‚Was bleibt mir auch anderes übrig‘, fügt sie in Gedanken hinzu.
Sie chatten noch ein paar Minuten, tauschen freundschaftliche Neckereien aus. Schließlich verabschiedet sich Gábor mit einem letzten schelmischen Kommentar, und Natali schließt den Chat, ein Lächeln auf den Lippen und ein wenig beruhigter. Sie weiß, dass sie auf Gábor zählen kann, egal wie rätselhaft oder verwirrend die Situation auch sein mag.
Und doch bleibt – ganz im Hintergrund ihrer Gedanken – ein leiser Rest Zweifel zurück, der sich nicht ganz beruhigen lässt.




