Szene 33. Begegnungen und Erinnerungen – bei den Lebenswinds
Das Wohnmobil ruckelte leicht, als Elli und Stig in die ruhige Straße im Kreuzviertel von Münster einbogen. Die Straßenlaternen tauchten die gepflegten Reihenhäuser in ein sanftes, warmes Licht.
„Hier sind wir“, sagte Stig und parkte das Wohnmobil geschickt auf der Einfahrt vor dem Haus der Familie Lebenswind.
„So, mein Schatz, unser kleines Heim auf Rädern ist bereit“, sagte Elli mit einem leisen Lächeln. Sie liebte es, dieses kleine Refugium immer bei sich zu haben – gerade jetzt, wo ihr Körper und ihre Seele nach den turbulenten Wochen endlich etwas Ruhe finden wollten.
Die Tür des Hauses öffnete sich, und Wido trat heraus, ein herzliches Lachen auf den Lippen. Daike folgte ihm, ihr Blick warm und aufmerksam.
„Elli! Stig!“, rief Wido. „Willkommen in Münster!“
Nach einer herzlichen Begrüßung und ein paar ersten Worten beschlossen sie, den milden Frühlingstag für einen Spaziergang auf der Promenade zu nutzen.
Wie immer fühlte sich Elli sofort wohl in der Gesellschaft der Lebenswinds – und doch blieb irgendwo tief in ihr ein leiser Rest Unruhe zurück, der sich nicht ganz abschütteln ließ.
Widos lockiges Haar fiel ihm immer wieder ins Gesicht, während er lebhaft von seiner Arbeit und neuen Projekten erzählte. Seine Begeisterung war ansteckend, und Elli musste unwillkürlich lächeln.
Daike, mit ihrer ruhigen, fast gelassenen Ausstrahlung, hörte aufmerksam zu und warf hin und wieder eine trockene, pointierte Bemerkung ein, die die anderen zum Lachen brachte.
Die Kinder liefen voraus, ihre Stimmen hell und unbeschwert, während die Erwachsenen ihnen in gemächlichem Tempo folgten.
Luna wirbelte um die Gruppe, immer auf der Suche nach dem nächsten Abenteuer.
„Sie ist wirklich eine Energiebombe“, lachte Daike, als Luna wieder zu ihnen zurückkehrte.
Als sie einen etwas abgelegenen Spielplatz erreichten, ließen die Erwachsenen die Kinder gewähren und setzten sich auf eine der Bänke. Die Promenade war hier ungewöhnlich ruhig.
Elli lehnte sich leicht zurück, ließ den Blick über die Szenerie schweifen und spürte, wie sich für einen Moment etwas in ihr löste.
Doch die Ruhe war brüchig.
Bereits nach kurzer Zeit stiegen Erinnerungen in ihr auf. Die verwirrenden Botschaften, die Bedrohungen beim Kongress, Maja … Ellis Hand suchte unter ihrem Pullover und fand das Amulett. Bei der Berührung spürte sie ein sanftes, ermutigendes Kribbeln, das sich von ihrer Hand aus im ganzen Körper ausbreitete.
Kurz darauf nahm sie all ihren Mut zusammen. „Ich muss euch etwas erzählen“, begann sie leise und berichtete von den Geschehnissen der letzten Wochen, von dem Pharma-Skandal, den sie zusammen mit ihren Freunden aufgedeckt hatte. Sie sprach von den Herausforderungen und den Gefühlen, die sie dabei begleitet hatten.
Wido hörte aufmerksam zu, seine strahlend blauen Augen auf Elli gerichtet. Er nickte ab und zu, verarbeitete die Informationen. Daike hielt ständig die Kinder im Blick, aber es war klar, dass sie trotzdem kein Wort von Elli verpasste. Hin und wieder nickte sie oder blickte Elli mit ihren bernsteinfarbenen, großen Augen einfühlsam an.
Elli war schon öfter über den seltsamen Zufall gestolpert, dass Daike, Stig und sogar ihr Psychiater Timmek diese extrem seltene und sehr hübsche Augenfarbe hatten.
Gemeinsam mit Daike, die als Mathematikerin eine gewisse Vorliebe für Wahrscheinlichkeiten hatte, hatte sie einmal darüber gescherzt, dass dieses Zusammentreffen statistisch betrachtet kaum erklärbar sei.
„Wenn man das genau ausrechnen würde“, hatte Daike damals trocken bemerkt, „müsste man fast von einem Ereignis mit verschwindend geringer Eintrittswahrscheinlichkeit sprechen.“
Elli hatte gelacht und erwidert, dass dies wohl ein kleiner Beweis dafür sei, dass selbst das Unwahrscheinlichste seinen Weg in die Wirklichkeit findet.
Und doch war ein kaum greifbarer Gedanke geblieben, dass sich manche Dinge nicht ganz im Rahmen des Zufälligen erklären ließen.
Als Elli ihren Bericht über die verstörenden Geschehnisse der vergangenen Wochen beendet hatte, herrschte für einen Moment Stille. „Das ist wirklich eine unglaubliche Geschichte“, sagte Wido schließlich. „Und es ist beeindruckend, dass ihr trotz der Drohungen weitermacht.“
„Ja“, stimmte Daike zu, „du bist wirklich stark, Elli. Und wir sind immer für dich da, das weißt du, oder?“
Elli nickte, Tränen der Erleichterung in den Augen. Sie hatte nicht gewusst, wie sehr sie diese Worte nötig gehabt hatte. „Danke“, flüsterte sie.
Sie saßen noch eine Weile schweigend da, die Frühlingsstimmung umfing sie, die Kinder lachten im Hintergrund. Elli spürte, wie die Last der letzten Wochen von ihr abfiel. Hier, bei ihren Freunden, war sie sicher.
Nach diesem intensiven, jedoch befreienden Gespräch schlenderte die Gruppe weiter die Promenade entlang. Luna, die Hündin, konnte ihre Energie kaum bändigen und jagte ausgelassen den flinken Kaninchen auf den umliegenden Rasenflächen hinterher. Fenja und Anouk, die Kinder von Wido und Daike, quiekten vor Vergnügen und amüsierten sich prächtig über das ausgelassene Treiben des Hundes.
Elli beobachtete die Szenerie eine Weile schweigend.
Luna jagte mit Feuereifer über die Wiese, setzte den Kaninchen nach, die in schnellen Sprüngen im hohen Gras verschwanden.
„Luna“, sagte Elli schließlich ruhig und holte die Leine hervor.
Die Hündin bremste widerwillig ab, ließ sich jedoch einfangen.
„Zum Schutz der Tiere“, fügte Elli hinzu, während sie Luna anleinte. „Und auch, damit nichts passiert.“
Stig, der das Treiben bisher mit einem amüsierten Lächeln verfolgt hatte, ließ ein leises Schnauben hören.
„Sie will doch nur spielen“, murmelte er. „Et hätt noch immer jot jejange.“
Elli sah ihn an. Ihr Blick war ruhig, aber fest.
„Es geht nicht darum, ob es meistens gut geht“, sagte sie leise. „Sondern darum, was passiert, wenn es das nicht tut.“
Für einen Moment blieb die Spannung zwischen ihnen stehen – unausgesprochen, aber deutlich spürbar.
Ein kleiner Streit schien sich anzubahnen, doch bevor die Wogen zu hoch schlagen konnten, schritt Wido ein. „Hey, ich habe eine Idee“, sagte er beschwichtigend und deutete auf einen nahegelegenen Biergarten. „Wie wäre es, wenn wir dort eine kleine Pause einlegen? Ich kenne den Wirt, das Bier ist gut, und die Kinder können sich ein Eis holen.“
Sofort hellten sich die Mienen auf und der aufkommende Streit war vergessen. „Pommes und Eis!“, jubelten Fenja und Anouk im Chor.
„Na, das klingt doch nach einem Plan“, sagte Elli und lächelte Stig versöhnlich an. „Komm, Luna“, flüsterte sie der Hündin zu, die mit gesenktem Kopf neben ihr her trottete. „Das wird schon wieder.“
Und so ließen sie die Sonne und die Frühlingsatmosphäre Münsters auf sich wirken, während sie dem Biergarten entgegenschlenderten, bereit für eine wohlverdiente Pause und ein weiteres Stück Gemeinschaft und Freundschaft.
Als die Freunde im Biergarten Platz nahmen, war es bereits Nachmittag und die Hungergefühle machten sich bemerkbar. „Ich könnte etwas Kleines essen“, gestand Wido, während er die Speisekarte studierte.
„Wir auch“, stimmten Daike und die Kinder zu. Elli und Stig tauschten einen kurzen Blick aus, wissend, dass ihre vegane Lebensweise und Ellis besondere Acht auf nachhaltige Lebensmittel ihre Auswahl etwas komplizierter gestalteten als die der Familie Lebenswind.
„Zum Glück haben sie hier eine gute Auswahl für uns“, sagte Elli erleichtert, als sie die veganen Optionen auf der Karte entdeckte. Münster, mit seiner großen Studentenpopulation, hatte in den letzten Jahren ein breites Angebot an nachhaltigen und veganen Gerichten in seinen Restaurants und Cafés etabliert.
„Was trinken wir dazu?“, warf Wido in die Runde, als die Bestellungen aufgegeben waren. „Ein Bier? Oder vielleicht einen Cocktail?“
„Cocktail?“, echote Elli – und plötzlich war sie gedanklich Jahre zurückversetzt.
„Erinnert ihr euch an diese Party bei euch?“, fragte sie und sah zu Wido und Daike. „Diese Cocktail-Nacht …“
Ein flüchtiges Lächeln huschte über ihr Gesicht.
„Ich war damals in keiner guten Verfassung“, fuhr sie leiser fort. „Alles war irgendwie … zu viel. Existenzielle Sorgen, Unsicherheit – ich wusste nicht, warum ich so aus dem Gleichgewicht geraten war – oder wie ich wieder zurückfinden sollte.“
Sie zögerte kurz.
„Und da war auch dieses Schwärmen für jemanden auf der Party“, sagte sie schließlich, fast beiläufig, und senkte den Blick.
„Ich war ziemlich durcheinander.“
„Red Moon Dawn“, murmelte sie dann und schüttelte leicht den Kopf. „Ich glaube, ich habe selten etwas getrunken, das so schlecht für mich war.“
Ein leises Lachen ging durch die Runde, doch in Ellis Blick lag noch etwas Nachklingendes.
Stig legte vorsichtig eine Hand auf ihre Schulter.
„Du musst aufpassen, Elli“, sagte er ruhig. „Du weißt, wie schnell das kippen kann.“
Elli nickte.
„Ich weiß“, sagte sie. „Es ist ein Balanceakt.“
Einen Moment lang schwieg sie, dann sah sie zu den anderen.
„Aber ich bin froh, dass ich heute hier bin.“
Die Bestellungen kamen, und während die Freunde aßen, schwang eine Melodie aus Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft mit, ein stilles Eingeständnis der Vergänglichkeit der Zeit und der kostbaren Momente, die sie miteinander teilten.
Während die Freunde weiter über vergangene Zeiten und ihre Beziehung zum Alkohol sprachen, wurde auch Stigs schwieriges Verhältnis zu alkoholischen Getränken thematisiert. Er neigte dazu, das Thema herunterzuspielen und sich selbst einzureden, dass er alles im Griff hatte. Doch die Wahrheit war, dass er eine tiefsitzende Schwäche für Alkohol hatte, die er nur ungern zugab.
„Ich genieße es einfach, nach einem spannenden Fußballspiel mit Leevi ein paar Biere zu trinken“, sagte Stig und zuckte mit den Schultern.
Sein Tonfall klang beiläufig – fast ein wenig zu beiläufig.
Die anderen wechselten kurze Blicke.
„Stig“, sagte Elli ruhig, „du musst aufpassen.“
Er winkte ab, ein schiefes Lächeln auf den Lippen.
„Ich hab das im Griff. Wirklich.“
Für einen Moment hielt er ihrem Blick stand – dann sah er weg.
Es war leichter, es dabei zu belassen.
In seinem Inneren lag etwas, das er nur selten berührte.
Nächte, die zu lang geworden waren. Gespräche, die nie geführt wurden. Und die Erinnerung an den Anruf, der alles verändert hatte.
Manchmal, nach den Spielen, wenn der Lärm verklang und nur noch das dumpfe Pochen in seinem Kopf blieb, war dieses Gefühl wieder da.
Und dann trank er weiter.
Elli erinnerte sich daran, wie ihre gemeinsame Vorliebe für Alkohol sie in der ersten Zeit ihres Kennenlernens näher zueinander gebracht hatte.
„Weißt du noch, der Umzug?“, fragte sie leise, ein Lächeln umspielte ihre Lippen. „Eine ganze Flasche finnischer Vodka!“
„Ja“, sagte Stig, sein Lächeln wurde wehmütig. „Das waren noch Zeiten. Aber wir waren jung und dachten nicht an die Konsequenzen.“
Die beiden tauschten einen langen Blick aus, eine stumme Kommunikation, die so viel mehr sagte, als Worte es könnten. Sie wussten beide, dass sie im Laufe der Jahre vorsichtiger geworden waren, aber die Schatten der Vergangenheit lauerten immer noch in den Ecken ihrer Seelen. Es war ein ständiges Ringen, das Gleichgewicht zu halten und nicht in alte Muster zurückzufallen.
Die Kinder, die das ernste Gespräch der Erwachsenen nur am Rande mitbekommen hatten, lenkten die Aufmerksamkeit auf sich, als sie lautstark nach Eis riefen. Und so kehrte die fröhliche Stimmung zurück, während die Schatten der Vergangenheit – zumindest für den Moment – in den Hintergrund traten.
Nachdem die Gruppe das Lokal verlassen hatte, schlenderten sie gemeinsam weiter entlang der Promenade, genossen die frische Luft und das lebhafte Treiben um sich herum.
Als sie einen ruhigeren Abschnitt der Promenade erreichten, wurde das Gespräch von selbst ernster.
„Ich habe noch einmal darüber nachgedacht“, begann Wido schließlich und sah zwischen Elli und Stig hin und her. „Ihr könnt nicht einfach tatenlos zusehen.“
Elli hob leicht den Kopf.
„MedüX setzt Menschenleben aufs Spiel. Und eure Freunde werden bedroht.“
Daike nickte langsam.
„Ihr müsst handeln“, sagte sie leise.
Einen Moment lang sagte niemand etwas.
Stig atmete tief durch, als würde er sich zu einer Entscheidung zwingen.
„Ich weiß, dass ein Cyberangriff ethisch schwierig ist“, sagte er schließlich. „Aber vielleicht ist es in diesem Fall das kleinere Übel.“
Elli schwieg.
Der Wind strich durch die Bäume, ließ die Blätter leise rascheln. Für einen Moment schien alles stillzustehen.
Sie hatte diese Gedanken längst selbst gehabt.
„Ich denke auch so“, sagte sie schließlich leise. „Aber wir müssen vorsichtig sein.“
Sie sah zu den anderen.
„Und wir müssen bereit sein, die Konsequenzen zu tragen.“
Wieder entstand eine kurze Stille.
Wido nickte. Daike ebenfalls.
Eine gespannte Stille legte sich über die Gruppe. Für einen Moment war nur das Gelächter der Kinder zu hören, die auf einer Wiese in der Nähe spielten. Ein unausgesprochener Konsens schien die Luft zu durchdringen.
Daike beobachtete Elli noch einen Moment und lächelte dann leicht.
„Weißt du“, sagte sie leise, „zu dir passt dieses Sprichwort: Stille Wasser sind tief.“
Elli sah auf.
„Ich habe oft das Gefühl, dass in dir etwas schlummert“, fuhr Daike fort. „Etwas, das nur darauf wartet, geweckt zu werden. Etwas, wie ein Funke …“
Sie machte eine kleine Pause.
„Vielleicht ist das dein Thema – manchmal ist so ein innerer Funke kraftvoll genug, um draußen ein großes Feuer zu entfachen.“
Elli lächelte schwach, ein Hauch von Schüchternheit in ihren Augen, doch auch eine neue Entschlossenheit. „Vielleicht hast du recht“, murmelte sie, den Blick zu Boden gerichtet, bevor sie Daike dankbar ansah.
Es folgte eine angespannte Stille.
Nach einiger Zeit stand Wido auf reckte und streckte sich ein wenig und sagte mit einem verschmitzten Grinsen: „Nun, da in aller Stille ein Fünkchen entflammt ist, wie wäre es also, wenn Elli mit ihrem Team einfach diese Geschichte auf die stille Tour beendet und einen Sprung ins kalte Wasser wagt?“
Seine Worte brachten ein Lächeln auf die Gesichter der anderen, und für einen kurzen Moment löste sich die Anspannung. Die Freunde lachten, und das Licht des späten Nachmittags tanzte in ihren Augen.
Elli lächelte kurz, doch ihr Blick wurde sofort wieder nachdenklich.
„Wir dürfen nichts überstürzen“, sagte sie ruhig. „Aber ich werde weiter daran arbeiten.“
Sie atmete tief durch.
„Ich suche bereits nach Menschen, die uns unterstützen können.“
Wido legte ihr eine Hand auf die Schulter.
„Und wir sind da“, sagte er.
Elli nickte.
Während sie kurz darauf ihren Weg fortsetzten, blieb Ellis Blick für einen Moment an den tanzenden Lichtflecken auf dem Boden hängen, die durch die Bäume fielen.
Etwas in ihr hatte sich verändert.
Kein großer Umbruch –
eher ein leises, beständiges Glimmen.
Der Funke in ihr leuchtete heller – fast wie ein Flammenschimmer.




