Szene 41 – Virtuelle Verwirrungen und ein Hoffnungsfunken
Elli saß im schwach beleuchteten Raum ihres Rabbit Holes, die Hände fest um die Tasse mit dampfendem Tee geschlungen. Der Bildschirm flackerte vor ihr, und die Worte von Kryfós erschienen wie ein Leuchtturm in einem tobenden Sturm – ein Anker in der aufgewühlten See ihrer Gedanken. Sie musste Kryfós alles erzählen. Sie brauchte seinen Rat, einen klaren Blick von außen, um Halt in einer Welt zu finden, die zunehmend den festen Boden verlor.
Elli: „Ich stehe an einem Scheideweg, Kryfós. Die Grenzen zwischen dem, was real ist und was nicht, verschwimmen immer mehr.“
Kryfós: „Das klingt nach einem klassischen Montag in unserer Welt. Erzähl mir alles.“ Sein Humor brachte ein flüchtiges Lächeln auf Ellis Lippen. Doch sie musste unwillkürlich blinzeln. Seine Antwort war sofort da gewesen.
Fast zu schnell.
Als hätte er bereits gewusst, dass sie ihm schreiben würde.
Doch sie hoffte einfach nur noch auf Kryfós Rat. So drängte sie die Irritation rasch zurück und erzählte ihm von den jüngsten Ereignissen und davon, wie unsicher sie geworden war, ob all das, was sie erlebte, wirklich war.
Kryfós: „Nun, wir könnten das Ganze als ein Hologramm deines Geistes betrachten oder als eine erweiterte Realität. Welche Option klingt weniger beängstigend?“
Elli: „Witzig … aber im Ernst, Kryfós, ich weiß nicht mehr, was ich glauben soll.“ Ein dankbares Lächeln glitt über ihr Gesicht.
Kryfós antwortete in seiner gewohnten Schnelligkeit und beruhigenden Art. „Vergiss nicht: Nur weil etwas unwahrscheinlich ist, heißt das nicht, dass es unmöglich wäre. Aber es ist selten die vernünftigste erste Erklärung.“ Er machte eine kleine Pause. „Ehrlich gesagt, bin ich aber auch etwas baff. Lass uns mal versuchen, deine Erlebnisse einzuordnen. Beginnen wir mit dem, was wir wissen.“
Elli stutzte kurz. Ausgerechnet das Wort wissen fühlte sich plötzlich fremd an.
In den nächsten Minuten entfaltete sich ein intensiver Dialog. Kryfós half Elli, ihre Erlebnisse danach zu sortieren, was sich fürs Erste nicht wegdiskutieren ließ: die Hinweise auf den Pharmaskandal, die Bedrohungen, das Verschwinden ihrer Freunde. Und dann war da noch das, was sich jeder klaren Einordnung entzog.
Als Elli das Amulett erwähnte, hielt sie inne. „Siehst du, das ist es, Kryfós. Dieses Amulett … es verändert sich. Es passiert, wenn nur ich es anschaue. Es ist, als ob ich in zwei Welten lebe.“
Sie erzählte Kryfós von dem Amulett, das seine Form veränderte, wenn sie allein war. Sie hatte heimlich ausprobiert, ob Stig und Dimi es sehen konnten, als es die fremden Schriftzeichen trug, aber beide hatten nur die ursprüngliche Version mit den lateinischen Inschriften gesehen. Natürlich hatte sie ihnen ihr Experiment nicht verraten. „Ich kann es niemandem erklären, ohne wie eine Verrückte zu klingen“, tippte sie verzweifelt in den Chat.
Kryfós: „Im Grunde hast du doch das Verrückten-Diplom mit deinen Netzwerksitzungen bei Timmek, oder? Was soll schon passieren?“ Das hinzugefügte Emoticon unterstrich seine Provokation. „Mal im Ernst: Vielleicht hat das Amulett eine Verbindung zu dir, die anderen verborgen bleibt. Du musst dir selbst vertrauen, Elli. Sieh es als deinen geheimen Mutmacher, daran kann doch nichts falsch sein, egal ob eingebildet oder real. Was meinst du?“
Elli starrte auf den Satz und blinzelte erneut. Mutmacher.
Das Wort beruhigte sie nicht. Sie wollte keinen Mutmacher. Sie wollte wissen, ob unter ihr überhaupt noch fester Boden war.
Dann tippte sie erneut in den Chat.
Elli: „Ja, aber was, wenn diese Veränderungen wirklich nur in meinem Kopf stattfinden? Das Ganze wirkt für mich real, Kryfós. Kann ich meiner Wahrnehmung dann noch trauen?“ Sie starrte das Amulett an, das unschuldig auf dem Schreibtisch lag.
Einen Augenblick lang meinte sie, es würde kurz aufleuchten.
Elli schüttelte den Kopf und blickte schnell wieder auf den Chat vor ihr. Dann tippte sie: „Ich möchte wissen, ob ich es mir nur einbilde. Kannst du das verstehen?“
Kryfós: „Wir können das im Moment nicht wissen, da nur du es zu sehen scheinst. Aber nur weil andere es nicht sehen können, heißt das nicht, dass es nicht real ist. Es gibt Dinge, die sich nicht auf konventionelle Weise erklären lassen.“ Kryfós machte eine Pause. Dann schrieb er weiter: „Und vergiss nicht: Es gibt mehr zwischen Himmel und Erde, als unsere Schulweisheit sich träumen lässt.“
Elli wirkte noch skeptisch, lachte dann aber leise.„Shakespeare wäre stolz auf dich.“ Fast in demselben Moment wunderte sie sich darüber, wie leicht sie wieder in seinen Ton hineinglitt.
Kryfós: „Ich versuche mein Bestes. Wie wäre es, wenn wir einfach annehmen, dass beides real ist, bis uns das Gegenteil bewiesen wird?“
Elli nickte, obwohl Kryfós sie nicht sehen konnte. „Das klingt plausibel.“
Kryfós: „Und vergiss nicht, ich bin hier, um zu helfen. Ob es um Daten geht oder darum, eine Pforte in eine andere Dimension zu öffnen.“
Elli konnte nicht umhin zu schmunzeln. „Würdest du mir also helfen, eine Spiegelpforte zu öffnen?“
Kryfós: „Nur, wenn ich als moralische Unterstützung per Video dabei sein darf. Ich bin zwar kein Experte für Parallelwelten, aber ich kenne mich mit unerwarteten Systemabstürzen aus.“
Elli lachte jetzt richtig. „Das ist beruhigend.“ Selbst in ihrer Verzweiflung schaffte es Kryfós, sie zum Lachen zu bringen. „Ich weiß nicht, ob ich bereit bin. Es fühlt sich alles so … groß an. Wie ein Kampf für Helden, nicht für jemanden wie mich.“
Kryfós: „Aber vielleicht bist du eine Heldin, Elli. Und wenn nicht, finden wir jemanden, der es ist.“ Er schickte ein zwinkerndes Emoticon. „Mantis und ich wollen übrigens mithelfen, bei der Cyberattacke.“
Elli hob leicht die Augenbrauen. „Okay … das meinst du ernst, oder?“, flüsterte sie.
Eine ungläubige Pause folgte. Er war erstaunlich schnell bereit, sich in etwas hineinziehen zu lassen, das sie selbst kaum noch überblickte.
Sie zögerte mehrere Minuten, bevor sie eine Antwort tippte: „Wirklich? Das wäre unglaublich!“
Kryfós: „Absolut. Mantis freut sich darauf, dich kennenzulernen. Virtuell, versteht sich.“
Elli: „Das bedeutet mir sehr viel, Kryfós. Mit euch an meiner Seite fühle ich mich viel sicherer.“
Elli blickte einen kurzen Moment lang nachdenklich auf die Nachricht, die sie gerade abgeschickt hatte. Dann nickte sie und flüsterte, mehr zu sich selbst als zu irgendwem sonst: „Ja. Das tue ich. Sie sind auf meiner Seite.“
Kryfós beendete den Chat mit einem letzten Kommentar, der Elli ein Lächeln auf die Lippen zauberte. Sie hielt sich an dem Gedanken fest, dass die beiden auf ihrer Seite standen.
Schließlich stand sie auf und räkelte sich ein wenig. Eine gute Portion Anspannung war von ihr abgefallen. Lächelnd blickte sie auf Kryfós’ Avatar, der noch auf ihrem Bildschirm zu sehen war.
Sie hatte wieder etwas festeren Boden unter den Füßen und fühlte sich gestärkt, nicht nur durch seine Unterstützung, sondern auch durch das Gefühl, mit ihren Kämpfen nicht ganz allein zu sein.




