Szene 65 – Düstere Ankunft und eine überraschende Begegnung
Elli stand mit zitternden Knien und Herzklopfen vor dem großen Spiegel in ihrem Rabbit Hole. Der Durchgang, den sie gerade durchquert hatte, war verschwunden, und als sie sich umdrehte und zurückblickte, zeigte der Spiegel nur noch ihr Spiegelbild und ihr blasses, zutiefst erschöpftes Gesicht.
Doch sie stand einfach wieder in ihrem Rabbit Hole.
Elli spürte eine schwere Niedergeschlagenheit, die sie fast zu Boden drückte. War alles umsonst gewesen? War das Durchschreiten des Portals gescheitert?
Sie war vollkommen deprimiert.
Doch bald wurde ihr klar, dass diese Niedergeschlagenheit unnatürlich war. Ein drückendes, unglaublich bedrückendes Gefühl lag wie ein bleierner Mantel über ihrem Herzen. Ihr wurde klar, dass sie unzählige lange Momente einfach reglos dagestanden und in ihr deprimiertes Spiegelbild gestarrt hatte.
Hier stimmte etwas nicht.
Langsam, mit kraftlosen Bewegungen, wie bei einer uralten Frau, begann sie, sich im Rabbit Hole umzusehen. Alles schien vertraut, doch gleichzeitig wirkte der Raum, wie eine verzerrte, düstere Kopie ihres Zufluchtsorts. Während Elli durch das Rabbit Hole wankte, bemerkte sie, dass die eigentlich größtenteils vertrauten Gegenstände eine unheimliche, pulsierende Aura ausstrahlten, als ob sie lebendig wären, doch ihre Energie war düster und wirkte wie ausgehöhlt. Dann fiel ihr auf, dass die Wände des Rabbit Holes brüchig aussahen, und aus den Rissen sickerte ein feiner, unnatürlich schwärzlicher Nebel, der sich um ihre Beine legte und sie am Weitergehen zu hindern schien.
Die Bücher waren blass und durchscheinend, die technischen Geräte wirkten hohl und leblos, wie Projektionen einer längst vergangenen Zeit. Jeder Schritt war schwer, jeder Atemzug mühsam. Es erforderte all ihre Kraft, nicht einfach antriebslos auf den Boden zu sinken.
Mit mühsamen Schritten verließ Elli das Rabbit Hole und begann, das Haus zu erkunden. In ihr stieg ein nagendes Angstgefühl auf.
Wo war sie hier bloß hineingeraten?
In der Ferne glaubte Elli, ein leises Wispern zu hören, das wie eine Mischung aus flüsternden Stimmen und dem Rauschen des Windes klang. Es war keine Sprache, die sie verstand, doch die Melodie der Laute schien direkt in ihre Ängste einzudringen und ließ eine Gänsehaut über ihren Rücken laufen.
Die Luft war dicht und erdrückend, als würde sie durch einen zähen Nebel gehen. Als sie die Kellertür erreichte, überkam sie eine Welle der durchdringenden Furcht. Die Tür war dunkel und wirkte, als wäre sie von einem perlmuttartigen Glanz überzogen. Elli blieb starr vor Angst stehen und wurde von dem altbekannten Grauen ergriffen, das sie häufiger vor der Kellertür gespürt hatte. Dieses Mal und an diesem entfremdeten, einsamen Ort war es jedoch noch eindringlicher und erschütternder, und sie wusste zwar nicht genau, warum, aber sie war sich sicher, dass diese Tür existenziell bedrohlich für sie war. In Panik und aus alter Gewohnheit drehte sie den Schlüssel mehrmals im Schloss, um die Tür fest zu verschließen, und entfernte sich so schnell wie möglich davon.
Sie wollte das Haus lieber erst einmal verlassen. Doch auch draußen war alles verändert. Sie betrat einen vollkommen kargen Garten, in dem jegliches Leben fehlte; Bloße, trockene Erde und Steine überall.
Sie konnte nicht genau sagen, ob es Tag oder Nacht war. Der Himmel war wolkenlos, aber keine Sonne und auch kein Mond oder Sterne waren zu sehen. Der Himmel war einfach düster, gleichförmig, dunkelgrau und ein trübes Zwielicht und ein drückender Nebeldunst lagen in der Luft. Der Anblick des toten, leblosen Gartens erfüllte Elli mit übermäßiger Traurigkeit. Erneut blieb sie einfach stehen, verharrte einige Momente vor diesem niederdrückenden Anblick und verlor mit jeder verstreichenden Minute mehr Mut und Antrieb, weiterzugehen.
Plötzlich bemerkte sie eine Bewegung am Rande ihres Sichtfeldes. Eine große Anzahl undefinierbarer, kleiner, dunkler Kreaturen, die sich ihr näherten. Von ihnen ging ein alarmierendes, bedrohliches Gefühl aus. Panik ergriff Elli, und sie bewegte sich wieder vorwärts. Sie war durch ihre unnatürliche Erschöpfung verzweifelt langsam, aber sie flüchtete so schnell sie konnte, weg vom Haus, durch den Garten und die Straße hinunter zum Rheinufer.
Sie kannte den Weg. Doch auch hier sah alles fremd und verändert aus. Es gab keine Pflanzen und kein Zeichen von Leben irgendwo. Am Ufer kauerte sie sich mit leerem Blick in eine Mulde im Schotter in einer Böschung und schaute auf den toten, geisterhaften Strom, der an ihr vorbeifloss.
Langsam sickerte die Frage in ihre Gedanken, ob die Verfolger noch auf ihrer Spur waren. Doch alles blieb still und hier schien sie zunächst wohl in Sicherheit zu sein. Die dunklen Wesen hatten sie wahrscheinlich nicht verfolgt.
Während sie dort saß, bemerkte sie eine Gestalt, die sich langsam näherte. Zunächst dachte Elli, es könnte ein realer Mensch sein, der ihr vielleicht helfen könnte. Hoffnung keimte in ihr auf. Die Gestalt sah menschlich aus, doch als sie näher kam, bemerkte Elli, dass etwas nicht stimmte. Die Konturen der Gestalt waren verschwommen, fast etwas durchscheinend und ihr Blick wirkte leer und geisterhaft.
„Hüte dich vor den Schatten und vor dem Grauen“, flüsterte die Erscheinung mit hohler, leiser Stimme. Elli erkannte nun, dass sie es wohl mit etwas Übernatürlichem zu tun hatte. Sie hatte sich zunächst erhoben und sich einen Schritt auf die Gestalt zubewegt, doch jetzt schreckte sie zurück und kauerte sich wieder in die Uferböschung.
Die Gestalt schien sie überhaupt nicht anzusehen. Sie lief einen Bogen am Ufer und bewegte sich dann staksig auf den Fluss zu. Ellis Hoffnung schwand und wich einer tiefen Verwirrung und Angst. Bevor sie noch etwas fragen konnte, verschwand die Erscheinung einfach im unwirklichen Nebel und in den Fluten des Rheins.
Elli wusste nicht weiter. Sie hatte keine Ahnung, wohin sie gehen oder was sie tun sollte. Die unglaubliche Schwere auf ihrem Herzen ließ sie jeglichen Antrieb verlieren.
Einem inneren Impuls folgend suchte ihre Hand mit plumpen Bewegungen nach dem Amulett und sie spürte sein schwaches, aber konstantes Pulsieren, das ihr ein leises Flüstern ins Bewusstsein trug: „Du bist stark genug.“ Diese Worte schienen sich in ihrem Geist zu wiederholen, und ein kleiner Funke Hoffnung flackerte in ihr auf. Es war ein winziger Lichtstrahl, der die Dunkelheit in ihrem Herzen zu durchdringen begann.
Doch dann senkte sich der dunkle Nebeldunst um sie herum mit noch stärkerer Schwere auf sie hinab, als wollte er jeden aufkeimenden Hoffnungsfunken in ihr erdrücken.
Ellis Hand verlor den Griff um das Amulett, und sie saß einfach da, starrte auf das Wasser und fiel in einen Zustand der vollkommenen Lähmung und Starre.
Plötzlich meinte sie, durch ihre Benommenheit und den Nebeldunst gedämpfte Schritte hinter sich wahrzunehmen. Dann packte sie eine kräftige Hand an der Schulter und drehte sie herum. „Oh je, hier haben wir wohl noch so eine rastlose Weltverbessererin“, murmelte eine Frau mit kurzen, zerzausten Haaren und intensiven blauen, strahlenden Augen.
„Mein Name ist Svenja Ohnrast“, sagte sie und legte sich die flache Hand auf die Stirn. „Lass uns im Licht wandeln.“, fügte sie hinzu.
Svenja blickte Elli mit einem durchdringenden Blick an, und ein Hauch von Schalk lag in ihrem Lächeln, doch ihre Augen waren ernst, als ob sie mehr wüsste, als sie sagte. „Du bist ganz schön tief gesunken, was?“ Sie hielt Elli eine Hand hin, ihre Bewegungen wirkten geübt, fast militärisch, als ob sie an Extremsituationen gewöhnt wäre. „Steh auf. Hier unten zu bleiben, bringt dich nicht weiter – das weiß ich aus Erfahrung.“
Ellis Gedanken waren wie gelähmt. Sie konnte nicht reagieren, ihre Gedanken waren sehr langsam, doch sie vermutete, dass es sich bei Svenjas erster Geste wohl um so etwas wie eine Begrüßung gehandelt haben musste.
„Ich kenne diesen Ausdruck auf deinem Gesicht“, sagte Svenja, als sie ihre Hand wieder zurückzog, die Elli nicht ergriffen hatte. „Ich war auch mal an diesem Punkt. Aber glaub mir, das hier ist erst der Anfang. Die Schatten haben keine Gnade, und sie merken, wenn du aufgibst.“
Einen Moment lang stand Svenja vor ihr und schien sie von Kopf bis Fuß zu mustern. Svenja trug ein Amulett und einen Schmuckanhänger, die Ellis Schmuckstücken sehr ähnelten. Ihre gesamte Ausrüstung sah aus, als hätte sie schon viele Abenteuer erlebt und fremde Welten durchwandert. An ihrem Gürtel hing eine kleine, aber robuste Ledertasche, die mit geheimnisvollen Symbolen verziert war.
Über ihrer Schulter trug sie eine Art futuristisches Fernglas, dessen Linsen in einem leichten, unnatürlichen Blau schimmerten. An ihrem Handgelenk blitzte ein komplex aussehendes Armband mit eingebauten, leuchtenden Kristallen, das wie ein Multifunktionsgerät wirkte. Um den Hals trug sie einen schimmernden Halsreifen aus Ammolit, der einen leichten, pulsierenden Schimmer perlmuttfarbenen Lichts ausströhmte.
„Hör zu, Elli“, sagte Svenja und beugte sich zu ihr hinunter. „Ich weiß, du fühlst dich verloren. Aber wir alle fangen so an. Du bist stärker, als du denkst – und ich werde dir helfen, das zu erkennen. Doch du musst bereit sein, den nächsten Schritt zu gehen.“
Svenjas Worte hallten in Ellis Geist, doch sie konnte nicht reagieren und fühlte sich nicht einmal wirklich mit den Worten gemeint. Svenja schüttelte den Kopf und schnaubte.
„OK, wir schaffen das zusammen. Du musst aufstehen“, sagte sie drängend. „Die Schatten haben dich längst bemerkt, so ungeschickt und auffällig, wie du dich benommen hast.“ Elli spürte, wie Svenja sie fast halb schleppend von der Uferböschung wegzog. Sie erreichten einen großen, verlassenen alten Wasserturm, der einsam am Rheinufer stand. Svenja stieß die alte Metalltür auf und verschloss sie hinter ihnen mit einem dicken Eisenriegel.
Als Svenja die Tür des Wasserturms schloss, ahnte Elli zum ersten Mal seit langer Zeit, dass sie nun vielleicht nicht mehr völlig allein die Bürde dieser surrealen Geschichte tragen musste. Und sie spürte eine fremde, aber beruhigende Energie, die von dieser Frau ausging. Obwohl Elli innerlich noch zögerte, fühlte sie, dass dieser Moment ein Wendepunkt sein könnte – und ein Anfang, um neue Hoffnung zu schöpfen und sich wieder aufzurichten.
Der große Raum im Inneren war leer und fensterlos, doch an der gegenüberliegenden Wand befand sich eine bronzefarbene, mit kunstvollen Verzierungen versehene Tür, die von wunderlichen Pflanzenranken umrankt war. Die Ranken strahlten ein überirdisches, helles Licht aus, das den gesamten Raum erleuchtete.
Die Ranken bewegten sich dabei leicht, als ob sie lebendig wären, und schienen in einem sanften, rhythmischen Pulsieren zu atmen. Der Rahmen der Tür bestand aus einem glatten, glänzenden Material, das wie polierter Obsidian wirkte, und in dessen Oberfläche schillernde Farben spielten.
Svenja ließ Elli auf den Boden sinken und sprach einen Text in einer vollkommen fremden Sprache, die wie ein altertümlicher, melodischer Singsang klang. Während sie die fremden Verse sprach, bewegte sie ihre magischen Anhänger in einem Muster in der Luft.
Ein sanftes, aber durchdringendes Summen erfüllte den Raum, und die Bronze-Tür begann intensiv zu leuchten. Die Ranken zogen sich zurück und allmählich verschwand die Türoberfläche und enthüllte einen leuchtenden Durchgang, der ins Innere eines lebendig wirkenden, pulsierenden Tunnels führte.
Plötzlich fuhr Elli erschrocken zusammen, denn sie spürte, dass sich etwas massiv Beängstigendes näherte.
Noch immer wie gelähmt und unfähig, etwas zu sagen, blickte sie Svenja mit vor Angst aufgerissenen Augen an. Svenja drehte sich zur Eingangstür des Turms, erwiderte kurz Ellis Blick und presste die Lippen aufeinander. „Das sind die Schatten, Andersseins Handlanger“, sagte sie. „Wir müssen uns beeilen! Steh auf!“ Sie hatte Schwierigkeiten, Elli zum Aufstehen zu bewegen. Wenige Augenblicke später begann die Metalltür unter den Schlägen der Schatten zu vibrieren. Die Tür erzitterte stark und drohte jeden Augenblick nachzugeben. In letzter Sekunde schafften es die beiden Frauen, durch das Portal zu treten und sich in die leuchtende Sphäre zu retten.
Als Elli die Schwelle des Portals überschritt, schien die Schwere ihres Körpers von ihr abzufallen. Ein sanfter Wind trug den Duft von fremden, blühenden Pflanzen zu ihr, und das Licht um sie herum schimmerte in allen Farben des Regenbogens. Für einen Moment hatte sie das Gefühl, ihre Sorgen lösten sich wie Rauch im Wind auf.
Ein Gefühl der Leichtigkeit und Wärme umhüllte Elli, und sie spürte, wie ihre Kräfte zurückkehrten. Das bedrückende Grau der Schattenwelt wich einem strahlenden Glanz, und die Geräusche der Verfolgung verblassten in der Ferne.
Gleichzeitig spürte Elli ein sanftes Ziehen an ihrem Geist, als ob unsichtbare Fäden sie in alle Richtungen verbanden. Für einen Moment konnte sie diese Verbindungen fast sehen: ein schimmerndes Netz aus Licht, das sich durch den Raum spannte und von unendlichen Knotenpunkten ausging. Jede dieser leuchtenden Linien vibrierte wie Saiten einer unsichtbaren Melodie. Es fühlte sich an, als ob ein überirdisches Sprungnetz sie auffing und begrüßte – eine allumfassende Kraft, die alles Leben verband.
Die fremden Pflanzen rankten sich um sie, als ob sie sie willkommen heißen würden, und der Weg vor ihnen führte in einen von diesen schillernden, fremdartigen Pflanzen umrankten Tunnel, der in lebendigen Farben leuchtete.
Beim Weitergehen fühlte Elli sich gestärkt, war aber froh, dass Svenja sie weiterhin stützte. Während sie durch den Tunnel schritten, veränderte sich Ellis Wahrnehmung von Raum und Zeit. Sie hatte das Gefühl, durch etwas hindurchzugehen, das zu ihr gehörte, aber gleichzeitig unendlich größer war als sie selbst – eine Struktur, die überall und nirgendwo zugleich war. Sie spürte eine pulsierende Energie, die wie ein Herzschlag durch den Tunnel floss und sie in demselben Rhythmus durchströmte.
Die Luft schien von einem feinen, kaum sichtbaren Geflecht aus goldenem Licht erfüllt zu sein, das bei ihren Bewegungen vibrierte, als ob es auf ihre Anwesenheit reagierte.
Elli spürte plötzlich, wie einer der dickeren vibrierenden Fäden in ihrer Nähe sie sanft berührte. Ein Strom von Gefühlen und Bildern durchflutete sie – flüchtige Szenen von lachenden Gesichtern, sanften Berührungen, aber auch von Angst und Verlust. Sie fühlte sich, als wäre sie gleichzeitig überall und nirgends, verbunden mit allem, was war, ist und sein wird. Das Gefühl war überwältigend, aber auch tröstlich. Elli war im Moment der Berührung unwillkürlich stehen geblieben und hatte die Augen geschlossen.
Svenja berührte nun ihrerseits sanft Ellis Wange und weckte sie damit aus ihrer inneren Versunkenheit. Dann lächelte Svenja, ließ Elli kurz los, trat einen Schritt vor und berührte ebenfalls einen der stärker sichtbaren, vibrierenden Fäden. Durch die Berührung teilte er sich in unzählige feine Verzweigungen auf, die mit feinen Linien, die auf Svenjas Haut sichtbar wurden, in Verbindung traten.
„Das ist die Matrix“, sagte Svenja leise, während sie die vibrierenden Fäden berührte. Elli zuckte innerlich zusammen, als sie das Wort hörte und ihre Überraschung machte sie ein wenig wacher. Natürlich dachte sie sofort an den Film Matrix. ‚Willkommen in der echten Version davon‘, dachte sie sarkastisch, doch das Gefühl, das sie bei diesem Netzwerk aus Licht empfand, war tiefgreifender, als es jeder Film hätte darstellen können. Das hier war etwas anderes. Es war, als würde sie mit allem verbunden sein – nicht nur mit der Welt, sondern mit einer universellen Wahrheit.
Svenja schloss ebenfalls die Augen und schien die Wirkung der Berührung mit diesem überirdischen Netz zu genießen. Dann sagte sie leise. „Die Matrix ist nur hier so deutlich sichtbar und wahrnehmbar, aber sie verbindet uns überall und jederzeit mit allem, was war, ist und sein wird.“
Dann hakte Svenja Elli unter und zog sie weiter. Elli beobachtete beim Weitergehen die wunderlichen feinen Linien, die sie umgaben, doch sie war noch immer benebelt und benommen und begriff nicht wirklich, was hier passierte und wo sie sich befand.
„Die Matrix ist mehr als nur ein Geflecht“, erklärte Svenja, während sie weitergingen. „Wir wissen nicht alles über sie, aber sie speichert wohl die Resonanz jeder Seele, jedes Gedankens und jeder Entscheidung. Und sie ist außerdem so etwas wie die Stützstruktur aller Welten.“
Nach wenigen weiteren Schritten erreichten sie einen pflanzenumrankten Torbogen, den sie durchquerten.
„Oh, meine Güte!“, stieß Elli erstaunt hervor. Sie bemerkte, dass dieser Durchgang die andere Seite des Portals war, das sie gerade durchschritten hatten. Der Durchgang bestand auf dieser Seite aus einem mit fremdartigen Ornamenten verzierten und mit bunten Pflanzen umrankten Torbogen an der Außenwand eines großen, kunstvoll gestalteten Turms.
Elli hielt den Atem an. Sie standen jetzt vor diesem Portal auf einer Anhöhe mit Blick auf ein wunderliches Stadtgebiet, das sich vor ihnen erstreckte. Es war eine sehr futuristische Stadt, die auf wundersame Weise mit einem Wald mit gigantisch großen Bäumen und mit einer leuchtenden, bunten Pflanzenwelt verwoben war.
Gebäude befanden sich zwischen den Stämmen der Baumriesen, aber sie waren teilweise auch rund um die Stämme oder in die großen Baumkronen hineingebaut. Wasser strömte in kleinen Wasserfällen von begrünten Dächern. Wände waren mit Blumenranken bewachsen und Baukonstruktionen und Natur gingen überall lebendig und fließend ineinander über.
Viele Dächer waren mit schillernden Flächen überzogen, die an Solarpaneele erinnerten, doch sie waren unvorstellbar kunstvoll gearbeitet, besaßen rundlich gewölbte und verzierte Formen, die definitiv auf einer Elli unbekannten, extrem fortschrittlichen Technologie basieren mussten.
Auf den Straßen und Plätzen bewegten sich hell und bunt gekleidete Menschen mit unterschiedlichstem Aussehen. Alles wirkte friedlich und voller Leben. Wunderliche Fahrzeuge bewegten sich auf pflanzenumrankten, schienenartigen Verbindungen, die sich wie ein Netz in großer Höhe über dem Stadtgebiet erstreckten.
Elli blinzelte und war ganz erschlagen von diesem Anblick. Dies war ein extremer Kontrast zur düsteren Schattenwelt, die sie soeben noch durchwandert hatte.
In den gigantischen Baumkronen wuchsen leuchtende Blüten, deren Farben sich ständig veränderten, als würden sie den Atem der Welt widerspiegeln. Kleine, schimmernde Wesen – halb Vogel, halb Licht – huschten durch die Luft und hinterließen glitzernde Spuren, die sich langsam in der Sonne auflösten. Alles an diesem Ort schien von einer sanften, friedlichen Lebendigkeit durchdrungen zu sein.
Ellis Herz wurde unglaublich leicht und sie spürte wieder Hoffnung in sich; ein Gefühl, das sie in den vergangenen Momenten im Schatten völlig verlassen hatte.
Svenja lächelte Elli an, während sie mit einer weit ausladenden Geste die Stadt vor ihnen zeigte. „Willkommen in Leuchtigen! Dies ist Waldheim, meine Heimatstadt.“, sagte sie sanft.
Das Wort traf Elli wie ein sanfter, aber unerwarteter Schlag. Leuchtingen. Sie hatte diesen Namen schon einmal gehört. Ihre Gedanken, noch schwerfällig und müde von den durchwanderten Schatten, wühlten sich langsam durch die dichten Nebel ihrer Erinnerung. Es dauerte einige Augenblicke, bis sie eine Verbindung fand.
Timmek. Er hatte diesen Namen erwähnt. Hatte er nicht gesagt, dass Leuchtingen die Welt war, aus der er stammte? Oder hatte sie sich das eingebildet?
Doch kurz danach verschwammen Ellis Erinnerungen mit Bildern der Schattensphäre – einem Ort, der alles in ihr trübte und verzerrte. Ihre Stirn legte sich in Falten, und sie spürte, wie ihre Gedanken gegen eine unsichtbare Barriere stießen, eine Art Schleier, der sie daran hinderte, klar zu denken.
Svenja schien nichts von Ellis innerem Ringen zu bemerken. Sie blickte weiter über die Stadt, ihr Blick voller Wärme und Vertrautheit. „Es mag anders sein als das, was du gewohnt bist,“ sagte sie schließlich, „aber ich verspreche dir, hier wirst du einen Ort finden, der dich stärkt.“
Elli war die Nachwirkung der vollkommenen mentalen Erschöpfung, die sie in der Schattenwelt ergriffen hatte, wieder bewusster geworden, und sie nickte nur mechanisch und mehr aus Gewohnheit als aus Überzeugung.
Während sie auf die leuchtenden Gebäude und Pflanzen blickten, erklärte Svenja weiter: „Leuchtigen ist ein Ort, an dem die Matrix stärker durchscheint, als in deiner Welt. Hier schwingt alles von Grund auf in einer gewissen Resonanz und Harmonie.“ Sie blickte in Ellis fasziniertes und fast ungläubig staunendes Gesicht und ergänzte mit einem etwas ironisch schief gezogenen Lächeln. „Das ist wohl etwas, das in deiner Welt undenkbar wäre.“
Svenja machte eine kurze Pause, doch nach wenigen Augenblicken fügte sie hinzu: „Hier wirst du einige der Antworten finden, die du suchst. Aber denke daran: Dein Weg der Suche ist noch lang und voller Gefahren.“
In diesem Moment erfasste Elli ein Funke der Entschlossenheit. Sie hatte die Schattenwelt überwunden und stand hier in einer Welt mit einer vollkommen neuen Perspektive. Die überwältigende Schönheit und das Gefühl von Hoffnung, das Leuchtigen ausstrahlte, waren wie ein Lichtstrahl in ihrer Dunkelheit.
Sie würde weitergehen.
„Ich bin bereit“, flüsterte sie und spürte, wie ihre innere Stärke langsam zurückkehrte.
Ihre Reise war noch lange nicht zu Ende, aber sie wusste, dass sie nun einen wichtigen Verbündeten an ihrer Seite hatte und dass diese Stadt der erste Schritt auf ihrem Pfad der Heilung war.
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