Das mit KI generierte Bild zeigt eine detaillierte und künstlerische Darstellung einer dramatischen Szene während eines Besuchs auf einem Familienbauernhof im Allgäu. Elli und Stig stehen nahe dem Eingang eines alten, verwitterten Bauernhauses. Elli hat kurze, zerzauste schwarze Haare und trägt eine grüne Mütze, ihr Gesichtsausdruck ist ernst und nachdenklich. Stig hat wildes, rotes Haar und einen entschlossenen Blick. Im Hintergrund ist der Bauernhof mit Hühnern, Scheunen und Feldern zu sehen, während es regnet. Die Atmosphäre ist düster und zeigt eine raue, ländliche Landschaft.

Kapitel 4 – Szene #12

Szene 12. Heimkehr in unruhige Gewässer

Die lang gezogene Landstraße schlängelte sich durch die sanften Hügel des Allgäus. Ein schwacher Regen setzte ein, kleine Tropfen klatschten gegen die Windschutzscheibe des Wohnmobils. Stig warf ab und an einen besorgten Blick zu Elli, die in die Landschaft starrte, den Kopf an das Fenster gelehnt.

„Wir müssen ja nicht lange bleiben“, sagte Stig leise. Seine Stimme verlor sich im Rauschen des Radios.

Elli lächelte gezwungen. „Ich weiß. Aber das sind meine Wurzeln.“ Sie sah wieder hinaus und fügte leise hinzu: „Auch wenn sie sich manchmal anfühlen wie Wildkraut und stacheliges Brombeerdickicht.“

Der Wagen fuhr auf einen alten Bauernhof zu. Hühner flitzten über den Hof, dahinter stand das vertraute, aber leicht verfallene Bauernhaus aus Ellis Kindheit. Der Anblick des Gebäudes ließ in Elli eine Flut von Erinnerungen hochkommen, gute wie schlechte. Sie hörte das Echo flüsternder Gedankenschatten zwischen dem Klirren von Glasflaschen und undeutlichen Schreien aus der Vergangenheit.

Ellis Mutter, eine Frau mit ergrautem Haar und vom Leben gezeichneten Zügen, kam zur Tür heraus. „Elli! Und Stig!“, rief sie. Ihre Stimme trug dabei eine Mischung aus Freude und Nervosität.

Elli umarmte ihre Mutter, etwas steif, und spürte dabei den vertrauten Alkoholgeruch, der sie an die vielen Abende erinnerte, an denen sie Trostspenderin für ihre Mutter gewesen war.
Dabei dachte sie unweigerlich an die dunklen Tage ihrer Kindheit, an die Nächte, in denen sie als junges Mädchen Tränen vergossen und versucht hatte, den Frieden zwischen ihren streitenden Eltern zu vermitteln.

Im Schatten des Türbogens, stand Ellis jüngere Schwester, Jori. Sie hatte gerötete Augen und blinzelte angestrengt ins Tageslicht. Vermutlich waren das die Nachwirkungen eines längeren Abends.

Beim Hineingehen strich Elli beinahe unwillkürlich über ein verblasstes Foto von sich und ihrer Schwester als Kinder, das neben der Tür hing.

„Komm, ich zeige dir die Tiere“, sagte Ellis Schwester und führte sie weg. Als sie an einem Hasenstall vorbeikamen, in dem ein Kaninchen allein in einer Ecke hockte, versagte Ellis Stimme. Die Erinnerungen an die Käfige und Ställe von damals, in denen sie ihre Tiere nicht immer artgerecht gehalten hatte, ließen sie stutzen.

Elli trat näher an die Käfigwand, in der mehrere Kaninchenboxen übereinander gestapelt waren. In jeder Box kauerte eines der kleinen Tiere.
Ellis Finger verharrten am Draht und in ihrer Brust spürte sie eine unangenehme Enge.
Sie schluckte.

„Es ist nicht einfach, oder?“, sagte Ellis Schwester leise, fast entschuldigend. Elli nickte nur. Worte schienen in diesem Moment unnötig.

Da öffnete sich die Tür zum Hof und Haron, Ellis Vater, trat zu ihnen an die Ställe. Er hatte leuchtende blaue Augen und trotz seines Alters war er mit seinem schneeweißen vollen Haar, eine stattliche Erscheinung. Doch die rötliche Farbe in seinem wettergegerbten Gesicht und sein rundlicher, fülliger Bauch, waren ein Zeichen seines regelmäßigen Alkoholkonsums.

Harons Miene war schwer zu deuten. „Ich hörte, ihr sprecht von den alten Tieren damals. Erinnerst du dich, Elli, wie oft du es versäumt hast, dich richtig um sie zu kümmern?“, sagte er mit einem Vorwurf in seiner Stimme.

Elli atmete tief ein, versuchte, sich zu beherrschen. „Ich war ein Kind, Vater.“

„Ein Kind mit Verantwortung“, erwiderte er scharf. „Du wolltest sie. Aber dann hast du dich nicht gekümmert.“

Jori warf Elli einen vielsagenden Blick zu und Elli verzichtete auf eine Entgegnung.
Ellis Blick glitt über die Rinder, welche dicht an dicht im viel zu dunklen, kleinen Stall angekettet standen.

Den Abend verbrachte die Familie zusammen im Wohnzimmer. Elli setzte sich in den alten Ohrensessel, der in einer Ecke des großen Raumes stand. Ein Ort, der sie immer wieder in ihre Jugend zurückversetzte. Sie nahm einen Stapel vergilbter Blätter von der Ablage daneben, auf der auch ein paar Erinnerungsstücke aus ihrer Kindheit lagen. Eine dieser Erinnerungen war ein Gedicht, das sie im Alter von sechzehn Jahren verfasst hatte.

Stig, der ihr gegenüber auf dem Sofa saß und mit Elli’s Mutter plauderte, bemerkte, dass sie das Gedicht in der Hand hielt, und lächelte sie aufmunternd an. Er wusste, dass diese Zeilen für sie eine besondere Bedeutung hatten.

Elli las leise die ersten Zeilen des Gedichts: „Es ist die Nacht, die mich erschreckt…“

(Hinweis: Das gesamte Gedicht findet sich im Anhang.)

Ihre Schwester schaute herüber. „Ist das eins von deinen Gedichten?“

Elli sah auf und antwortete mit einem schwachen Lächeln: „Ja, es war einer meiner ersten ernsthaften Versuche in der Lyrik. Die Nacht war… furchteinflößend. Und doch manchmal voller Sterne.“

Jori entgegnete kurz: „Ah … interessant.“ Es war aber offensichtlich, dass sie sich noch nie sonderlich für Ellis Gedichte interessiert hatte. Sie wandte ihre Aufmerksamkeit einer Zeitschrift zu, die auf ihrem Schoß lag.

Stig hielt wohl einen wertschätzenderen Kommentar für angebracht: „Kunst ist oft das Ventil, durch das wir unsere innersten Ängste und Hoffnungen ausdrücken. Dieses Gedicht zeigt, dass du schon in jungem Alter ein kreatives Talent hattest, Elli.“

„Ich habe viel geschrieben.“
Elli legte das Gedicht zurück. „Es ist seltsam, hier zu sitzen und das jetzt wiederzulesen.“

Elli atmete tief durch.
Sie schob das Blatt unter den Stapel.

„Ich habe damals versucht, meine Gefühle und Gedanken zu ordnen. Oft habe ich auch kleine Erzählungen aufgeschrieben. Das Schreiben hat mir geholfen, mit all dem umzugehen“, antwortete Elli vorsichtig, um nicht alte Wunden aufzureißen.

Jori räusperte sich unangenehm und machte einen etwas missglückten Versuch, das Gespräch in eine andere Richtung zu lenken. „Ich erinnere mich noch, wie du mir früher immer vorgelesen hast. Manchmal hat es geholfen, besser einzuschlafen, trotz … na ja, du weißt schon.“

Die Erwähnung der nächtlichen Streitereien ihrer Eltern ließ die Anspannung im Raum noch greifbarer werden. Elli erinnerte sich daran, wie sie und Jori oft eng aneinander gekuschelt in ihrem Bett gelegen hatten, die Decke über ihre Köpfe gezogen, in der Hoffnung, die lauten Stimmen auszublenden.

Der restliche Abend verlief angespannt. Alte Geschichten wurden aufgewärmt, dabei wurden heikle Themen vermieden. Einige Male versuchte Elli, ein schwieriges Thema anzusprechen, wurde aber immer wieder abgelenkt oder unterbrochen.
Immer wieder wich das Gespräch aus.
Niemand blieb lange bei einem Satz.

Später am Abend zog Stig Elli zur Seite. „Ich weiß, wie schwer das für dich ist“, flüsterte er und legte sanft die Arme um Elli. „Aber denk dran, wir müssen ja nicht lange bleiben.“

Elli schmiegte sich einen Moment lang dankbar in seine Umarmung und nickte. „Ich weiß. Es ist nur … es gibt so viele ungesagte Dinge, so viele Narben.“ Sie machte eine Pause und holte tief Atem. „Aber vielleicht ist es sogar besser so, wer weiß?“

Die beiden standen eine Weile schweigend da, bevor sie sich wieder der Familie zuwandten, fest entschlossen, das Beste aus dem restlichen Abend zu machen.

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