Szene 18. Zwischen den Schatten – Schritte in die Dunkelheit
Elli befand sich in einem besonderen Raum, den sie vor einigen Jahren im Souterrain des Hauses eingerichtet hatte und ständig weiter modernisierte. Dieses Zimmer war Ellis digitale Festung. Die Wände waren mit einer speziellen Isolierung versehen, die jegliche elektromagnetischen Signale blockierte, und eine hochmoderne Überwachungssoftware lief auf den Computern, um sicherzustellen, dass keine unerwünschten Zugriffe erfolgten. Selbst das WLAN-Signal wurde in diesem Raum deaktiviert, und alle Verbindungen liefen verschlüsselt über Kabel. Ein großes Noise-Machine-Gerät stand in einer Ecke und lieferte konstantes weißes Rauschen, um jedes mögliche Abhören zu verhindern.
Humorvoll nannte Elli diesen Raum ihr „Rabbit Hole“. Wenn sie hier war, tauchte sie in eine Welt ein, in der sie selbst in Zeiten von Globalisierung und Digitalisierung für die gesamte Menschenwelt verborgen blieb, wenn sie dies wünschte – sie korrigierte sich: vermutlich für fast die gesamte.
Elli schloss die Tür hinter sich und drehte den kleinen mechanischen Riegel um. Ein leises Klicken.
Für einen Moment blieb sie stehen und lauschte. Das gleichmäßige Rauschen der Noise-Machine füllte den Raum wie ein schützender Schleier.
Hier unten war die Außenwelt weit entfernt.
Oder zumindest weit genug.
Manchmal fragte sie sich, warum sie sich immer wieder freiwillig hinab in diesen düsteren, fensterlosen Raum im Sous-Terrain begab, um von dort aus die noch tieferen, dunklen Orte des Netzes zu erforschen.
Doch irgendwo in ihr glomm dieser unruhige Funke, der sie immer wieder dorthin führte, wo andere lieber nicht hinsahen. Es war das ständige, drängende Gefühl, dass hinter der Oberfläche Wahrheiten verborgen lagen, von denen Menschen wissen sollten, die für eine bessere Welt kämpften.
Elli war nicht immer eine Cyber-Security-Expertin gewesen. Ihre Anfänge lagen in der Softwareentwicklung, bis ein beunruhigender Vorfall in ihrer Vergangenheit sie auf den Pfad der Cyber-Sicherheit führte. Dieser Vorfall, obwohl lang zurückliegend, hatte ihr gezeigt, wie verletzlich die digitale Welt sein konnte, und so hatte sie sich geschworen, sich selbst und die Menschen, die sie liebte, zu schützen.
Das gedämpfte Licht von speziellen LED-Lampen sorgte im „Rabbit Hole“ für eine beruhigende Atmosphäre, die im starken Kontrast zu der kritischen Arbeit stand, die hier verrichtet wurde.
In diesem Raum herrschte absolute Stille, nur das gedämpfte Surren ihrer Computer und das gleichmäßige Rauschen der Noise-Machine unterbrachen die Ruhe. Elli atmete tief durch und ließ ihren Blick kurz durch den Raum schweifen. Eine dampfende Tasse Kaffee stand auf der Ablage der kleinen Teeküche. Daneben ein Kühlschrank und ein kleines Waschbecken mit Spiegel. Ihre kleine erfrischende Oase während der intensiven Arbeit in den Untiefen der Cyberwelt.
An den Wänden des Rabbit Holes hingen Bilder, die sie und Stig in glücklichen Momenten zeigten, und neben ihrem Schreibtisch stand ein Bücherregal, voll mit Fachliteratur und Aktenordnern.
Stig, Ellis stetiger Fels in der Brandung, wusste von ihrer Arbeit, verstand aber nicht immer die technischen Feinheiten. Er war ihr emotionaler Anker, und auch wenn er nicht immer die Details kannte, unterstützte er sie bedingungslos.
Elli ging zur Teeküche, nahm die Tasse in die Hand und sog den angenehmen Kaffeeduft in die Nase, bevor sie einen Schluck nahm. Sie dachte an die kürzlich abgehaltene, abhörsichere Videositzung mit Lio, Runa und Vinoa, in der Runa und Vinoa von dem mysteriösen Chat erzählt hatten – wie er auf atemberaubende Weise begonnen und bald darauf so abrupt geendet hatte. Nach erneutem Einloggen hatte der Chat wieder vollkommen unauffällig funktioniert. Elli hatte angeboten, sich die Sitzung anzusehen, und sie hatten ihr den Link und die Log-in-Informationen zur Chatsitzung im ChatGPT-System gegeben.
Lio, der neben Adisa zu ihren Kollegen aus dem Dreier-Security-Team gehörte, war mit mindestens gleichem Engagement wie Elli neben dem Beruf in der Patientenbewegung aktiv. Im Job war er ein technologisches Genie mit einem Auge für Details. Elli hatte ihn vor Jahren bei einem Hackathon kennengelernt und in ihr Team geholt. Er war der ruhige und souveräne Typ, der eine unerklärliche Fähigkeit besaß, Systeme zu „fühlen“ und ihre Schwächen aufzudecken.
Gerade als Elli sich an den PC setzen wollte, glaubte sie für einen winzigen Augenblick, dass das Licht der Lampen minimal flackerte.
Als ihr Blick kurz darauf zum PC wanderte, hatte sie einen winzigen Moment lang das Gefühl, dass nicht nur das Licht flackerte – sondern auch der Bildschirm.
Es war, als hätte sich die Oberfläche des Anmeldebildschirms, die dort zu sehen war, für den Bruchteil einer Sekunde kurz verändert.
Doch als Elli blinzelte, war alles wieder normal.
Sie hielt erstaunt inne und blickte noch einmal prüfend zum Deckenlicht.
Nichts.
Vielleicht hatte sie es sich nur eingebildet.
Dann schüttelte sie den Kopf, lächelte und murmelte vor sich hin: „Du alte Security-Eule hast, wie immer, nicht gerade den einfachen Weg gewählt und dir einen Job ausgesucht, in dem du ständig üben kannst, deine Gedankenschatten im Zaum zu halten.“
Elli setzte sich an den Computer, auf dem eine spezielle Version von Kali im „Live“-Modus gestartet war. Dies war eine besonders sichere Linux-Version, mit der sie gern arbeitete. Sie klickte auf den Link, den sie von Runa und Vinoa erhalten hatte, und gab die entsprechenden Zugangsdaten ein. Die Oberfläche der KI öffnete sich im Browser mit der vertrauten standardmäßigen Frage „Was liegt heute an?“.
Der Cursor blinkte in dem Eingabefeld mit der Aufforderung: „Stelle irgendeine Frage“.
Elli dachte ein wenig nach und scrollte in der Chatsitzung nach oben, um den bisherigen Dialog zu lesen. Runa hatte offensichtlich ursprünglich einen Chat gestartet, um ein paar Eingaben zum Thema „AI-Phishing“ zu testen.
Runa, mit ihrer scharfen Intuition und ihrem Hintergrund in der Kryptologie, war oft diejenige, die versteckte Muster in riesigen Datenmengen fand. Elli schätzte sie nicht nur für ihr Fachwissen, sondern auch für ihre unermüdliche Neugier und ihren Mut, Fragen zu stellen. In besonderen Fällen fragte Elli Runa um Rat, wenn ihr Security-Team bei besonders kniffligen Aufgaben an seine Grenzen stieß.
Vinoa, energisch und impulsiv, war im Team der Patientenbewegung oft die treibende Kraft, die alle motivierte. In der Jugend eine bekannte Größe in der Gamerszene, hatte sie dann beruflich einen gänzlich anderen Weg gewählt, war Krankenpflegerin geworden und war mittlerweile in leitender Position auf der Station einer Universitätsklinik tätig. Nebenberuflich hatte sie ihr Interessengebiet in der IT jedoch intensiv weiterverfolgt und sich auf Themen der Cyber-Sicherheit, Informationsfreiheit und des Datenschutzes spezialisiert.
Elli musste weit nach oben scrollen, bis sie den Anfang des Chats erreicht hatte. Zunächst war Runas Chat routinemäßig verlaufen. Plötzlich stieß Elli jedoch auf die erste auffällige Antwort des Sprachmodells: „Ich habe Informationen für Sie, die Sie interessieren sollten.“
Runa war sicherlich sofort aufgefallen, dass das Sprachmodell ungewöhnlich reagierte. Sie hatte geantwortet: „Gib mir gern diese Informationen, dann schaue ich sie mir an.“
Das Sprachmodell hatte sofort geantwortet: „Es geht um ihre Neugier im Fall MedüX Pharma. Sie sollten vorsichtig sein. MedüX Pharma ist nicht das, was es zu sein scheint. Sie sind in Gefahr!“
Runas Antwort war anzusehen, dass sie ein wenig überrumpelt gewesen sein musste: „Wie meinen Sie das? Geben Sie mir mehr Informationen hierzu!“
Die Antwort wirkte rätselhaft, doch in Elli stieg eine ungute Vorahnung auf: „Ich benötige Kontakt zum rastlosen Wesen.“
Runa hatte nachgefragt: „Was meinen Sie mit dem rastlosen Wesen?“
Nun schien es, als ob das Sprachmodell in den normalen Modus zurückgekehrt sei. Die Antwort lautete: „Ich bin mir nicht sicher, was Sie mit ‚rastlosem Wesen‘ meinen. Wenn Sie jedoch auf ein bestimmtes Thema, eine Buch- oder Filmreferenz oder irgendetwas anderes anspielen, geben Sie bitte mehr Kontext oder klären Sie Ihre Anfrage. Ich bin hier, um zu helfen, basierend auf dem, was ich in meiner Datenbank gelernt habe.“
Nun folgten unzählige Chatzeilen, in denen Runa und später wohl auch zwischenzeitlich Vinoa offensichtlich erfolglos probiert hatten, die Abweichungen zu reproduzieren.
Elli schnaufte, stützte sich mit den Ellenbogen auf, legte die Hände wie zum Beten zusammen und hielt sie sich vor das Gesicht, sodass die Fingerspitzen die Nase berührten. Obwohl sie vorbereitet gewesen war, war sie erstaunt und noch deutlich beunruhigter als zuvor. Ihr Herz begann zu pochen und das Monitorbild verschwamm kurzzeitig vor ihren Augen.
Runa war Kryptologin. Dieser Chat hatte offensichtlich auf der offiziellen Plattform des KI-Anbieters stattgefunden und außerdem ganz gewiss in einer äußerst sicheren Umgebung. Was dort vorgefallen war, war schwer zu erklären.
Zögerlich tippte Elli ein: „Ich suche Informationen über MedüX Pharma.“
Nach einer gefühlten Ewigkeit, die in Wirklichkeit nur wenige Sekunden betrug, erschien eine Antwort: „Ich weiß, wer Sie sind. Welche Informationen suchen Sie genau?“
Jetzt begann Ellis Herz zu rasen und sie starrte geschockt auf den Bildschirm. Was hier passierte, war kaum zu glauben. In Momenten wie diesen, wurde sie sehr fokussiert und kalkulierend und ihr Verstand arbeitete blitzschnell. Sie dachte nach und formulierte ihre Frage konkreter: „Gibt es vertrauliche Informationen über nicht veröffentlichte Studienergebnisse von MedüX Pharma?“
Es dauerte wieder einige Sekunden, dann kam die überraschende Antwort: „Bitte warten Sie einen Moment.“
Ellis Herz schlug schneller. Was würde als Nächstes passieren? Sie spürte eine Mischung aus Angst und Vorfreude.
Dann erschien eine Nachricht auf ihrem Bildschirm: „Ich habe etwas für Sie gefunden. Achten Sie darauf, wer Sie beobachtet. Sind Sie sicher, dass Sie diese Informationen möchten?“
Elli lief ein kalter Schauer den Rücken herunter und sie zögerte kurz. Dann tippte sie mit entschlossenem Gesichtsausdruck: „Ja, senden Sie mir die Informationen.“
Eine weitere Nachricht poppte auf: „Gut. Aber seien Sie vorsichtig. Manchmal ist die Wahrheit gefährlicher als die Lüge.“
Über ihren Tor-Chat erhielt sie kurz darauf eine Nachricht mit einem temporären, anonymen Link für den Datenaustausch per OnionShare. Sie öffnete den Link und eine Datei begann herunterzuladen.
Es waren mehrere Dokumente – interne E-Mails, Auszüge aus Finanzberichten, ein unvollständiger Tabellenbericht.
Auf den ersten Blick wirkte vieles harmlos. Doch zwischen den Zeilen tauchten Formulierungen auf, die Elli nicht gefielen. Hinweise auf ‚interne Risikobewertungen‘, auf Studien, deren Ergebnisse offenbar nie veröffentlicht worden waren.
Nichts davon war ein direkter Beweis.
Aber zusammengenommen ergab es ein Bild, das ihr ein unangenehmes Ziehen im Magen verursachte.
Sie holte tief Atem. Das mögliche Ausmaß der Verschleierung, die vielleicht damit verbundene Korruption und die Gefahr, die mehrere Medikamente dieses Unternehmens für Tausende Menschen bedeuten könnten, wurden ihr in erschütternder Klarheit bewusst. Elli war zutiefst alarmiert.
Sie lehnte sich zurück und starrte eine Zeit lang auf den Bildschirm.
Wenn auch nur ein Teil dieser Hinweise stimmte, bedeutete das, dass unzählige Menschen Medikamente einnahmen, deren Risiken vielleicht bewusst verschleiert worden waren.
Elli dachte an die Gespräche aus der Patientenbewegung. An Menschen, die ihr von unerklärlichen Nebenwirkungen erzählt hatten. An die Verzweiflung in ihren Stimmen.
Ein unangenehmer Gedanke schob sich in ihr Bewusstsein:
Was, wenn einige von ihnen recht gehabt hatten?
Plötzlich erschien eine weitere Nachricht im Tor-Chat: „Seien Sie vorsichtig, rastloses Wesen. Die Informationen, die ich Ihnen gegeben habe, sind nur ein Bruchteil dessen, was Sie benötigen, um die Wahrheit ans Licht zu bringen.
Bloße Indizien reichen dafür nicht aus. Sie müssen deutlich tiefer graben und mehr finden als das, was bisher zugänglich ist.
Was Sie vor sich haben, ist größer als eine einzelne Person.“
Elli dachte an Runa und Lio.
Sie blieb einen Augenblick lang still sitzen und dachte nach. Ihr war klar, dass sie gerade am Anfang eines Weges stand, der gefährlich, aber auch unerlässlich war, um die Wahrheit zu enthüllen.
Dann tippte sie in den Chat: „Ich werde tun, was nötig ist. Ich kenne IT-Experten, und ich bin sicher, dass sie mir helfen würden. Aber wir brauchen detaillierte Informationen, um einen solchen Angriff zu planen.“
Im Tor-Chat erschien die Nachricht: „Ich kann helfen, aber der Hauptangriff muss von Ihrem Team durchgeführt werden. Die Datenbank von MedüX Pharma ist umfangreich und gut gesichert. Nur Experten mit Insider-Wissen werden in der Lage sein, Zugriff zu bekommen.“
Elli nickte nachdenklich. Gemeinsam mit ihrem Team hatte sie schon kompliziertere Systeme auseinander genommen.
Und dann war da noch Kryfós, der ihnen schon einmal bei technischen Herausforderungen geholfen hatte. Natürlich wusste sie nicht, ob ihre Freunde so weit gehen würden. Sie biss sich auf die Unterlippe und dachte eine Sekunde lang an weitere Möglichkeiten und Kontakte, im weniger legalen Raum, die sich durch ihren Job in erreichbarem Umfeld befanden. Doch sie verwarf diese Idee sofort. Zunächst würde sie ihre Freunde einweihen und schauen, wie sie reagierten.
„Ok“, tippte sie in den Tor-Chat, „ich werde mein Team zusammenstellen. Was können Sie zur Vorbereitung beitragen?“
Umgehend erschien die Antwort: „Details zur Infrastruktur und Vorschläge zu Schwachstellen. Aber denken Sie daran, dass ein solcher Angriff Risiken birgt. Es ist nicht nur illegal, sondern kann auch gefährliche Feinde auf den Plan rufen.“
Elli atmete tief durch und nickte, obwohl sie wusste, dass das Gegenüber ihre Zustimmung nicht sehen konnte. „Ich verstehe das Risiko. Aber wir müssen handeln.“
Plötzlich erschien wieder eine Nachricht in der Oberfläche von ChatGPT:
„Viel Erfolg, rastloses Wesen! Die Zeit drängt.“
Elli lehnte sich in ihrem Stuhl zurück und fühlte, wie das Gewicht der Verantwortung auf ihr lastete.
Plötzlich war der Bildschirm ihres PCs eine Sekunde lang schwarz. Danach war der Chat geschlossen. Elli versuchte, sich erneut einzuloggen, aber ohne Erfolg. Der Zugang war gesperrt.
„Uff!“, entfuhr es ihr. „Das war heftig.“
Elli schwirrten die Gedanken. Sie blieb ein wenig überwältigt dort sitzen, starrte auf den Bildschirm und horchte auf das gleichmäßige Rauschen der Noise-Machine, das eine beruhigende Wirkung auf sie ausübte.
Irgendwo da draußen verbargen sich Antworten.
Und vermutlich auch Gefahren.
Doch eines wusste sie bereits jetzt:
Sie konnte diesen Weg nicht mehr einfach so verlassen.
Und sie wusste, was sie als Nächstes zu tun hatte. Diese Informationen konnte sie nicht für sich behalten und sollte sofort Lio, Runa und Vinoa informieren.
Sie musste ihr Team zusammenstellen und einen Plan ausarbeiten.
Es war Zeit!
Es war Zeit, zu handeln.
Aber sie war sich auch der Gefahr bewusst, die diese Enthüllungen mit sich brachten. Sie und ihre Freunde hatten sich mit ihren Recherchen zweifellos auf dünnes Eis begeben.
Aber Elli war entschlossen, Mitstreiter für ihr Team zu finden und die Wahrheit ans Licht zu bringen, trotz des großen Risikos, das damit verbunden sein mochte.
Eine bedrückende Vorahnung drängte sich in ihr Bewusstsein, dass ihre Aktivitäten in dieser Geschichte gravierende Folgen für sie und Stig haben könnten. Was würden die Auswirkungen sein, wenn sie als Security-Expertin die Grenze zur Kriminalität überschritte und dann solche brisanten Informationen ans Licht kämen? Sie konnte nur hoffen, dass sie alle stark genug waren, um dem bevorstehenden Sturm zu trotzen.
Doch Elli wusste:
Der Sturm hatte gerade erst begonnen.





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