Szene 66 – Waldheim
Elli folgte Svenja durch die wunderlichen Straßen der futuristischen Metropole, die von einem faszinierenden Zusammenspiel aus Technologie und Natur geprägt war. Der Name der Stadt, Waldheim, schien treffend gewählt. Die Gebäude und die Infrastruktur waren harmonisch in die gigantischen Bäume integriert, die überall emporragten.
Elli blieb kurz stehen und ließ ihren Blick über die Straßen schweifen. Die Schönheit der Stadt war überwältigend, aber es war mehr als das. Nach den bedrückenden, düsteren Bildern der Schattensphäre fühlte sie sich von dieser strahlenden Harmonie fast überfordert. Es war, als hätte sie den Wechsel von Dunkelheit zu Licht zu schnell erlebt. Für einen Moment wusste sie nicht, ob sie lachen oder weinen sollte.
Svenja führte Elli ins Innere der Stadt. Auf ihrem Weg sammelte Elli voller Staunen und Verwunderung Eindrücke aus diesem ungewöhnlichen Ort. Die Straßen waren gesäumt von Bäumen, deren Äste und Blätter sich wie lebendige Baldachine über die Bürgersteige spannten.
Die Gebäude bestanden aus einer Mischung aus lebendigem Holz und modernen, glänzenden Materialien, die im Licht der fremdartig, perlmuttartig schimmernden Sonne funkelten, die gerade am Abendhimmel unterging. Überall blühten Pflanzen in strahlenden Farben, und auf den Straßen bewegten sich Menschen in hellen, bunten Kleidern, deren fröhliche Gesichter von innerem Frieden und Harmonie zeugten.
Svenja führte Elli zu einem beeindruckenden Wohnkomplex, der in die Krone eines der größten Bäume integriert war. Ein kleiner Personenaufzug, dessen Kabine in einer glasartigen Röhre fuhr, brachte die beiden zum Wohnungseingang. Während der Fahrt nach oben hatten sie eine wunderschöne Aussicht über die Stadt.
Die Dächer waren mit schillernden Solarpaneelen bedeckt, die wie Kunstwerke wirkten. Wasserfälle strömten von begrünten Dächern herab, und die gesamte Stadt schien in einem sanften, goldenen Licht zu leuchten, während die Sonne unterging.
„Das ist unglaublich“, flüsterte Elli, überwältigt von der Schönheit und Harmonie dieser Stadt.
„Willkommen in unserem Zuhause!“, sagte Svenja lächelnd. „Hier lebe ich zusammen mit meinem Wegbegleiter Tulani.“
Die Wohnung lag relativ weit oben im Wohnkomplex und hatte eine Art Penthouse-Stil mit einer riesigen Terrasse, die in luftiger Höhe über der Stadt lag und von den ausladenden Blättern der großen Baumkrone über ihr geschützt wurde.
Elli und Svenja traten vor die Wohnungstür, die sich nahtlos in die lebendige Wand aus Holz und Blättern einfügte. Sobald sie sich der Tür bis auf wenige Schritte genähert hatten, öffnete sie sich automatisch, und eine wunderliche Gestalt erschien im Türrahmen.
Elli war durch den fremdartigen Anblick dieses Wesens so erschrocken, dass sie ein paar Schritte zurückwich. Zunächst dachte sie, sie stünde vor einer Art menschengroßem Alien oder gar einem engelartigen Wesen. Sie erinnerte sich an die Bilder aus alten Kirchen, die sie früher fasziniert hatten: Engel mit perfekten, symmetrischen Gesichtern und strahlenden Flügeln, wie Wesen aus einer anderen Welt. Die wunderliche Gestalt dort in der Tür passte genau in diese Vorstellung, aber sie war zugleich fremdartiger, lebendiger, fast wie ein Engel aus der Zukunft.
„Guten Abend, Svenja. Guten Abend, Gast. Willkommen zu Hause“, sagte dieses Wesen mit einer warmen, wohlklingenden Stimme. „Darf ich euch eintreten lassen?“
„Danke, Elyria. Wir sind zurück“, sagte Svenja. Dabei streckte sie die Hand aus und legte sie leicht auf Elyrias Arm, ein vertrauter, fast freundschaftlicher Gruß. Elli staunte darüber, wie selbstverständlich Svenja mit dieser fremdartigen, fast überirdischen Erscheinung umging.
Elyria neigte leicht den Kopf und hob eine Hand zu einer sanften, einladenden Geste. Die Bewegung war fließend und wirkte so harmonisch, dass Elli unwillkürlich dachte, sie müsste diese Geste erwidern, obwohl sie keine Ahnung hatte, wie.
Svenja sah Ellis verwirrten Gesichtsausdruck und beeilte sich zu erklären: „Das ist Elyria, unser KI-Engel und fleißiger Haushaltsgehilfe. Timmek meinte, in der Dieserwelt würdet ihr wohl so etwas wie Roboter dazu sagen.“
Svenjas Erklärung hatte nicht die beabsichtigte Wirkung, sondern verstärkte Ellis Verwirrung sogar, gemischt mit freudiger Überraschung.
Timmek? Kannte Svenja Timmek tatsächlich?
Der Gedanke an ihn löste eine Welle widersprüchlicher Gefühle in Elli aus – Neugier, Unruhe und etwas, das wie ein flüchtiger Hauch von Hoffnung wirkte.
Was wusste Svenja über ihn? Konnte Svenja Elli zu Timmek führen?
Ihre Gedanken überschlugen sich wenige Augenblicke lang, doch durch Erschöpfung und Überforderung konnte sie diese neue Information nicht richtig verarbeiten, und die Begegnung mit Elyria nahm zunächst ihre volle Aufmerksamkeit in Anspruch. „Ok, ok …“, sagte sie, um sich selbst zu beruhigen. Svenja und Elyria blickten Elli erwartungsvoll an.
„Oh, … äh … ja. Hallo, Elyria“, fügte Elli zögerlich hinzu. Sie staunte Elyria an und war fasziniert von dieser perfekten Mischung aus Maschine und Lebewesen. Elyria trug ein leichtes, weißes Baumwollgewand und wirkte sehr wenig wie das, was sich Elli unter einem Roboter vorstellte.
Elyrias elegante Silhouette und ihre gesamte Ausstrahlung erinnerten tatsächlich eher an so etwas wie eine Fee oder einen Engel. Ihre Haut bestand aus einer Mischung aus transparentem, silikonartigem und biolumineszierendem Material, durch das man innere Strukturen und filigrane technische Elemente sehen konnte.
Auf der Haut war ein feines, durchscheinendes Muster zu erkennen, das an Blumen- und Blätterranken erinnerte und Elyria ein lebendiges, mystisches Aussehen verlieh. Die Farben ihres Körpers changierten leicht, flossen in sanften Übergängen ineinander und leuchteten in beruhigendem Blaugrün, was den Eindruck eines lebenden Organismus verstärkte. Elli dachte bei diesem Anblick an manche ungewöhnliche, leuchtende Organismen aus der Tiefsee.
Am Rücken hatte dieses Wesen zwei große, feingliedrige Flügel, die sich sanft hin und her wiegten. Die Oberfläche dieser Flügel ähnelte den kunstvollen Solarpaneelen, die Elli auf den Dächern der Stadt gesehen hatte. Vielleicht dienten sie als so etwas wie eine Energiequelle für dieses Roboter-Lebewesen. Elyrias freundliche Gesichtszüge erinnerten an die eines Menschen, aber sie waren viel symmetrischer, feiner und zierlicher geschnitten. Elyrias große Augen waren komplett einfarbig und leuchteten ebenfalls in einem sanften Blaugrün.
„Danke“, sagte Elli schüchtern, als sie dem Roboter folgte, der sie mit sanften und fließenden Bewegungen ins Innere der Wohnung führte.
„Elyria hilft uns bei den alltäglichen Aufgaben und sorgt dafür, dass hier alles reibungslos läuft.“
„Es ist mir eine Freude, Ihnen behilflich zu sein“, sagte Elyria höflich und trat zur Seite, um ihnen den Weg freizugeben.
Die Wohnung war lichtdurchflutet und hatte ein freundliches Design mit vielen Abrundungen, bogenartigen Durchgängen und einer sanften, organisch geformten Bauweise mit großen, ovalen Fenstern. Die Wände bestanden teilweise aus dem lebendigen Holz des gigantischen Baumes, der sie trug, und es wuchsen stellenweise echte kleine Äste mit Blättern aus den Wänden und der Decke, die sich dekorativ in das Gesamtdesign einfügten. Überall in der Wohnung rankten Blumen und Pflanzen, und auch die Baumaterialien und Möbel waren aus Naturstoffen mit unbehandelten Oberflächen.
„Komm, ich stelle dich Tulani vor“, sagte Svenja und führte Elli zu einem kleinen Innenhof, in dem eine Art Meditations-Garten eingerichtet war. In diesem Moment wurde Elli bewusst, dass sie sich durch die ungewöhnlichen Umstände und ihre Bedrückung und Sprachlosigkeit seit ihrer Ankunft in dieser fremden Welt Svenja noch gar nicht vorgestellt hatte. Doch ihre Gedanken waren noch immer langsam und kraftlos. Sie konnten sich nicht so weit sammeln, dass Elli fähig gewesen wäre, ein Wort dazu an Svenja zu richten.
Kannte Svenja ihren Namen? Sie hatte Timmek erwähnt. Gehörte Svenja vielleicht zu Timmeks Freunden?
Ellis Gedanken verloren sich wieder in den nebelhaften Bildern der Schattenwelt. Dann riss sie sich plötzlich zusammen. Hatte sie nicht gerade noch eine wichtige Frage gehabt? Etwas, das ihr auf der Zunge gelegen hatte?
Doch es war, als würde jeder Gedanke, der sich zu formen begann, sofort wieder zerfließen, als könnten ihre Gedanken keine klare Linie finden. ‚Was stimmt nicht mit mir?‘, fragte sie sich. Ein flüchtiges Unbehagen stieg in ihr auf, als hätte sie die Kontrolle über ihren Geist verloren. Vielleicht waren es die Schatten und die dunklen Nebel der Schattensphäre, die sie noch immer wie ein unsichtbarer Schleier zu umgeben schienen – ein schwerer Gedankenschleier, der nicht von ihr weichen wollte.
Tulani saß im Innenhof in tiefer Meditation versunken, umgeben von duftenden Blumen und beruhigenden Wasserspielen. Neben ihm stand eine kleine Wasserschale, in der sich das sanfte Licht der Stadt spiegelte. Seine Finger glitten langsam über die Wasseroberfläche, als würde er die Energie der Umgebung in sich aufnehmen. Winzig kleine, schimmernde Flugtierchen oder Insekten tanzten um ihn wie lebendige Funken und verstärkten den Eindruck von Ruhe und Einklang.
Als Svenja und Elli eintraten, öffnete er langsam die Augen und lächelte.
„Tulani, das ist Elli. Ich habe sie in der Schattensphäre gefunden“, berichtete Svenja. „Ich konnte sie gerade noch vor den Schatten retten, ansonsten wäre es schlecht für sie ausgegangen.“
Svenja kannte tatsächlich ihren Namen!
Tulani betrachtete Elli mit einem sanften, verständnisvollen Blick. Sein Blick ruhte dabei auf Elli, als ob er mehr in ihr sah, als sie selbst wahrnehmen konnte, und seine Augen schienen zu sagen: ‚Ich habe auf dich gewartet.‘
Tulanis Stimme klang sanft und melodisch, als er Elli begrüßte. „Willkommen, Elli. Du bist hier sicher. Die Schattensphäre kann sehr gefährlich sein.“
Elli spürte eine Welle der Erschöpfung und Bestürzung über sich hinwegrollen. „Die Schattensphäre … es war so düster und bedrückend. Ich fühlte mich, als würde die Schwere mich erdrücken.“
Tulani nickte und legte beruhigend eine Hand auf ihre Schulter. „Ruhe dich aus. Wir werden alles Weitere später besprechen. Svenja, zeig ihr doch das Gästezimmer.“
Als Tulani ihre Schulter berührte, fühlte es sich für Elli so an, als ob von seiner Hand aus ein Strom von Ruhe und Erholung durch ihren Körper fließen würde. Außerdem lichtete sich der dämpfende Nebel auf ihren Gedanken. Es war, als hätte er mit dieser simplen Geste die Last der Schattensphäre von ihr genommen. Zum ersten Mal seit ihrer Ankunft wagte sie zu glauben, dass sie hier wirklich sicher war.
Svenja nickte und führte Elli zu einem gemütlichen Gästezimmer. Es war angenehm gestaltet und strahlte eine beruhigende Atmosphäre aus.
Elli blieb in der Mitte des Raums stehen und dachte an ihr Rabbit Hole. Dort war sie oft eingehüllt in gedämpftes Licht und eingemuckelt gewesen, wie ein Häschen in seiner kleinen Höhle, in ihrer verborgenen Zuflucht vor der Welt. Doch hier – hier war die Weite der Welt zu spüren, das Licht, die Verbindung zu allem, was lebte. Sie fühlte sich seltsam fehl am Platz, aber gleichzeitig empfand sie hier ein fast noch stärkeres Gefühl der Geborgenheit und Stärke. Und in einem verborgenen Winkel ihrer Seele regte sich ein leises, verwirrendes Gefühl – als wäre sie endlich zu Hause angekommen.
Das große Panoramafenster bot einen atemberaubenden Blick über die nächtlich erleuchtete Stadt. Elli trat an das Fenster und blickte beeindruckt hinaus. Neben kunstvoller technischer Beleuchtung sorgten auf den Straßen und Plätzen zahlreiche wunderliche Leuchtblüten an großen Pflanzenranken für ein sanftes, magisches Licht.
Sie bemerkte, wie die Farben der Leuchtblüten sich leicht veränderten, während sie am Fenster stand. Es war, als würden die Blüten auf ihre Gedanken reagieren – ein sanftes Flackern, ein Wechsel von beruhigendem Blau zu einem warmen Orange. Elli fragte sich, ob das nur Einbildung war oder ob diese Stadt wirklich auf sie reagierte. ‚Vielleicht ist das hier mehr als nur ein Ort‘, dachte sie. ‚Vielleicht ist das ein Lebewesen.‘
Einen Moment später bemerkte Elli, dass Svenja noch in der Tür stand und sie beobachtete. Ihr Blick war warm, aber zurückhaltend, als ob sie Elli Zeit geben wollte, anzukommen. „Ruhe dich aus, Elli. Nach dem Abendbrot können wir uns zusammensetzen und in Ruhe reden“, sagte Svenja sanft, bevor sie sich mit einem letzten Lächeln umdrehte und leise die Tür hinter sich schloss.
Elli nickte dankbar und ließ sich auf das weiche Bett sinken. Sie blickte aus dem Fenster über die strahlende Stadt und war von Staunen und Verwunderung erfüllt.
Sie dachte über all das nach, was sie seit ihrem erstmaligen Durchschreiten des Spiegelportals bei ihrem Aufbruch aus dem Rabbit Hole erlebt hatte. Die unglaublichen Erlebnisse in der Schattensphäre, die Rettung durch Svenja und jetzt dieser wunderbare, friedvolle Ort.
Während sie aus dem Fenster blickte, wurde ihr klar, dass dieser Ort anders war. Anders als alles, was sie je gekannt hatte. Die Stadt wirkte wie ein Leuchtfeuer inmitten der Dunkelheit, die sie umgeben hatte – ein Ort, der sie anziehen und schützen wollte.
Einen Moment lang verspürte sie den Wunsch, alles loszulassen. Einfach stehenzubleiben, die Wärme und Harmonie dieser Welt auf sich wirken zu lassen und nichts mehr zu tun. Doch kaum war dieser Gedanke aufgekommen, schüttelte sie ihn ab.
So einfach ist es nicht. Ich kann nicht einfach aufhören. Die Welt heilt sich nicht von allein – und ich auch nicht.
Ihr Blick glitt zu ihrem Amulett, das in einem sanften Rhythmus pulsierte, und sie meinte, dieses Pulsieren in demselben Rhythmus an den leuchtenden Ranken zu sehen, die ihr Panoramafenster umrankten. Alles hier fühlte sich lebendig an, fast wie in einem gemeinsamen Herzschlag. War dieser Rhythmus bestimmt von ihrem eigenen Herz, das im Gleichklang mit dieser Welt schlug? Oder war es die Stadt selbst, die sie rief und ihr zeigte, dass sie willkommen war? Elli war sich nicht sicher, doch in diesem Moment spürte sie eine Verbundenheit, die sie noch nie zuvor empfunden hatte.
Elli atmete tief durch. Ihre Erschöpfung blieb, doch etwas in ihr begann sich zu bewegen. Es war, als hätte die Schattensphäre ihr gezeigt, dass sie mehr war, als sie sich selbst zugetraut hatte. Sie hatte die Dunkelheit durchquert und war hier angekommen – nicht allein, sondern mit einer neuen Verbündeten an ihrer Seite.
Ein Gedanke formte sich in ihrem Geist – klar und kraftvoll:
Das hier ist der Anfang.
Nicht nur von ihrer Reise durch diese Welt, sondern von etwas Größerem. Ein Abenteuer, das die Welt verändern könnte. Ein Abenteuer, das nur sie bestreiten konnte.
Die Fragen, die sie begleiteten, blieben. Doch während sie die Lichter von Waldheim betrachtete, fühlte sie, wie der zarte Funke einer neuen Geschichte in ihr aufglühte – einer Geschichte, die nicht nur die Welt, sondern auch sie selbst verändern würde.
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