Elli steht mit einem Rucksack vor einem großen Spiegel in ihrem Rabbit Hole, einer soundproof ausgestatteten, tech-orientierten Kellerraumumgebung. Der Spiegel hat sich in ein schimmerndes Portal verwandelt, das Lichtstrahlen und wirbelnde Energien aussendet. Elli trägt dunkle Reisekleidung mit leicht punkigem Stil, während sie zögerlich, aber entschlossen den ersten Schritt in den Tunnel macht.

Kapitel 22 – Szene #64

Szene 64 – Der Aufbruch ins Unbekannte

Elli stand mit Herzklopfen und voller Anspannung vor dem großen Spiegel in ihrem Rabbit Hole. Der Raum, ihr Schutzort, enthielt neben Aktenordnern und technischer Ausrüstung für ihren Cybersecurity-Job ein Sammelsurium aus alten Erinnerungen und Überbleibseln ihres bisherigen Lebens: eine abgenutzte Lampe, die einst ihrer Mutter gehört hatte, ein Regal mit zerlesenen Büchern, die sie durch die schwersten Zeiten begleitet hatten, und ein kleines Poster mit einem Zitat, das sie schon als Kind inspiriert hatte:

„Grenzen sind nicht das Ende, sondern der Anfang einer neuen Perspektive.“

Alles an diesem Ort erinnerte sie daran, wie weit sie es trotz ihres beschwerlichen Lebenswegs gebracht hatte – und dass dies der Moment war, um weiterzugehen.

In ihrer Hand hielt Elli das Amulett und den kleinen Anhänger, den sie am Hölderlinturm gefunden hatte. Sie war in bequeme Reisekleidung gekleidet, trug einen kleinen Rucksack auf dem Rücken und an den Füßen robuste Trekkingschuhe. Offensichtlich befand sie sich im Aufbruch, bereit für eine Reise ins Ungewisse.

Die Erlebnisse der vergangenen Monate zogen an ihrem geistigen Auge vorbei. Die mysteriösen Begegnungen, die verschlüsselten Botschaften und die Enthüllungen über MedüX Pharma hatten sie an den Rand der Realität geführt. Es war eine seltsame, beinahe surreale Reise gewesen, die sie bis an diesen Punkt gebracht hatte. Jetzt war sie bereit, den nächsten Schritt zu tun. Ihre neue Rolle als „Rastloses Wesen“ erfüllte sie mit einer tiefen Bestimmung.

Elli schüttelte den Kopf und betrachtete ihr eigenes Spiegelbild in dem großen Spiegel, der vor ihr an der Wand lehnte.

Eine Weltretterin, eine Heldin – sie allein? Eine unglaubliche Vorstellung.

Andererseits war dieser Gedanke nach all dem, was zuletzt geschehen war, gar nicht mehr so abwegig. Elli erinnerte sich daran, wie sie vor wenigen Tagen erstmals das Spiegelportal aktiviert hatte. Sie besaß definitiv Fähigkeiten, die sie selbst nie für möglich gehalten hätte.

Dann dachte sie an den Moment, als die Videoübertragung zu Kryfós abgebrochen war, genau in dem Augenblick, in dem sie das Experiment gestartet und die Spiegelpforte aktiviert hatte. Eine Gänsehaut lief ihr über den gesamten Körper, und sie biss angespannt die Zähne aufeinander, als sie an dieses atemberaubende Erlebnis dachte: die Oberfläche des Spiegels hatte sich in einen Durchgang verwandelt.

In wenigen Augenblicken würde sie das Experiment wiederholen – und diesmal wollte sie sogar noch weitergehen. Wer wusste schon, welche noch unglaublicheren Dinge auf sie warteten?

Elli erinnerte sich an ihren Spaziergang mit Timmek auf dem Melaten-Friedhof und daran, wie er sie ermuntert hatte: „Sie sollten versuchen, eine Spiegelpforte zu öffnen! Es ist der Schlüssel zu Ihrer Rolle in dieser Geschichte.“ Elli musste jetzt beinahe schmunzeln über die unbekümmerte Selbstverständlichkeit, mit der er ihr diese unglaubliche Idee vorgeschlagen hatte. Es wirkte grotesk und fast komisch, vor allem wenn sie daran dachte, wie sie innerlich zusammengezuckt war, als er ergänzte: „Ich bin nicht von dieser Welt, Elli.“

Er hatte ihr verdeutlicht, dass diese Aufgabe einsam sein würde und sie das Portal allein durchschreiten musste. „Ich glaube, dass es Ihnen nur möglich ist, die Pforte zu durchschreiten, wenn Sie allein sind“, hatte er erklärt. Und so stand sie nun allein vor dem Spiegel, fest entschlossen, diesmal die Spiegelpforte zu öffnen und den Schritt hindurch zu wagen. Sie sah ihr entschlossenes, fast trotziges Gesicht im Spiegel.

Ein Gedanke nagte jedoch an ihr: Trotz der Unterstützung von Timmek, Stig, Kryfós und womöglich anderen guten Geistern, lag vor ihr sicherlich ein beschwerlicher, langer und gefährlicher Weg.

Sie sollte versuchen, die Welt zu retten. Sie sollte eine Heldin sein.

Elli blickte forschend in ihre eigenen, tiefgrünen Augen. Eine solche Rolle, wenn auch in deutlich kleinerem Rahmen, war ihr nicht fremd.

Ihr ganzes Leben hatte sie gekämpft. Schon als Kind war sie die Heilerin, die Retterin gewesen – für ihre kleine Schwester, für ihre Mutter, für die zerbrechliche Familie, die sie zusammenzuhalten versucht hatte. Das alles trotz der Gedankenschatten, die sie seit ihrer Kindheit begleiteten.

Und jetzt war sie erneut diejenige, die es richten sollte.

Elli bemerkte die Blässe in ihrem Gesicht und die dunklen Ränder unter ihren Augen. Doch sie sah auch den unerschütterlichen Glanz darin. Sie war es gewohnt zu kämpfen – praktisch seit ihrer Geburt, in ihren jungen Jahren und auch später, nachdem ihre Kindheit schon vorbei gewesen war.

Im Grunde hatte sie sich ihr ganzes Leben lang im Einzelkämpfermodus befunden. Bereits als kleines Mädchen hatte sie das Gefühl beschlichen, sie sei in untiefes Gewässer geraten und müsse nun in den Fluten um ihr Überleben kämpfen. Und letztlich hatte sie es tatsächlich nur aus eigener Kraft bis hierher geschafft.

Zwar waren oft Menschen dagewesen, die halfen. – Doch ihre Gedankenschatten und die Kämpfe am Rand des Abgrunds hatten sie gelehrt, dass es unglaublich einsame Momente gab, in denen nur sie selbst sich sozusagen an den eigenen Haaren zurückziehen und vom Absturz abhalten konnte.

Doch diesmal war die Aufgabe noch ungleich größer als jemals zuvor.

Es ging nicht mehr nur um ihr eigenes Überleben oder das ihrer Familie, sondern um die Heilung einer Welt, die auseinanderzubrechen drohte.

Jetzt sollte sie erneut eine Heilerin sein – sogar die Weltretterin, die für die Heilung der gesamten Welt kämpfen würde.

Wahrscheinlich war sie die letzte Hoffnung. Und obwohl es helfende gute Geister gab, lastete diese Bürde allein auf ihr!

Sie dachte an Stig und schaute auf das Amulett in ihrer Hand, das gerade den Zustand angenommen hatte, der seinem Ursprung entsprach. Fast sah es aus, als sei es lebendig. Sie spürte ein sanftes Pulsieren, als würde es auf ihre Gedanken reagieren. Als sie es ins Licht hielt, begann die Gravur auf der Rückseite des Anhängers zu leuchten. Für einen kurzen Moment glaubte sie, eine fremde, aber sanfte Stimme zu hören, die flüsterte: „Du bist nicht allein.“ Das Leuchten verstärkte sich und flutete den Raum mit einem zarten, warmen Glanz, der sie umhüllte, wie eine schützende Umarmung.

Ellis Blick folgte der Inschrift, und sie flüsterte leise mit, als sie las:

„Du bist mutiger, als du glaubst, stärker, als du scheinst, und du bist niemals allein.“

Doch kurz darauf wurde ihr Herz schwer, und sie murmelte: „Ich danke dir, mein geliebter Kater! Hoffentlich sehen wir uns wieder!“

Gut, dass Stig ein Wochenende bei Leevi in Köln verbrachte. Dadurch konnte sie ungehindert dieses unglaubliche Abenteuer wagen, das nun vor ihr lag. Sie atmete tief ein, um sich zu beruhigen. Beim Gedanken an Stig wurde ihr schwindelig, und ihr Magen zog sich zusammen. Würden sie sich jemals wiedersehen, wenn sie jetzt tatsächlich ins Unbekannte aufbrach?

Sie versuchte, diesen Gedanken beiseitezuschieben, doch innere Bilder von glücklichen Momenten mit ihrer kleinen Familie drängten sich ihr auf. Sie sah vor ihrem inneren Auge, wie sie mit Stig ihre gemeinsame Lieblingsserie geschaut hatte, eng zusammengekuschelt auf dem Sofa. Dann erinnerte sie sich an den wunderschönen Wanderausflug mit Stig und Luna vor wenigen Tagen.
Luna … ihre treue kleine Hündin …

Elli hatte ein schlechtes Gewissen, das sie fast wie einen Schmerz spüren konnte, weil sie Stig vorgeschlagen hatte, Luna ausnahmsweise mitzunehmen, ohne ihm den wahren Grund zu nennen. Er ahnte nicht, was sie vorhatte. Karuna freute sich immer riesig, wenn sie auf die quirlige Luna aufpassen durfte, während Stig und Leevi ins Stadion gingen. Elli dachte an ihre liebe kleine Hündin und spürte, wie ihr Herz noch schwerer wurde. Luna war ihr Sonnenschein – manchmal fast ein wenig Kinderersatz, auch wenn Elli und Stig sie nie auf falsche Weise vermenschlichten.

Uff – Jetzt aber genug davon!

Elli schüttelte heftig den Kopf, um sich zu sammeln. Zumindest war Luna in guten Händen – ein kleiner Trost angesichts dessen, was nun vor ihr lag. Sie musste diesen Weg weitergehen.

Doch durch die Gedanken an ihre Familie stieg erneut Zögern in ihr auf.

Sollte sie es wirklich wagen?

Doch innerlich hatte Elli die Schwelle längst überschritten. Wie in Trance betrachtete sie ihr Spiegelbild. Ihre Gedanken wirbelten und formten sich dann zu einem klaren Entschluss.

Aufgeben ist jetzt keine Option mehr. Du musst weitermachen – Du willst Heilung finden, für dich selbst und für die Welt. Für Stig und für Luna.

Sie würde die ganze Geschichte jetzt vollends auf die Probe stellen. Sie musste Gewissheit haben. Timmek musste Gewissheit haben.

Wenn sie die Spiegelpforte öffnen und hindurchschreiten könnte, wäre das der endgültige Beweis, dass dieser Weg für sie bestimmt war.

Du darfst jetzt nicht mehr zaudern!

Elli verspürte eine Mischung aus Angst und Neugier, als sie einen kleinen Schritt näher an den Spiegel trat. Was würde sie erwarten? Welche Herausforderungen und Gefahren lagen vor ihr? Doch ihre Entschlossenheit war inzwischen stärker als jede Furcht. Sie musste kämpfen, sie musste aktiv werden.

Es gab kein Zurück.

Mit einem tiefen Atemzug begann sie erneut, die Verse des Hohelieds der Liebe in altgriechischer Sprache zu rezitieren. Ihre Stimme hallte in dem kleinen Raum wider, während sie die Worte sprach, die sie so oft geübt hatte. Das Amulett in ihrer Hand begann von Neuem zu leuchten.

Plötzlich flackerte das Licht im Raum, und ein perlmuttartiger Schimmer glitt über die Spiegeloberfläche.

Obwohl sie das bereits erlebt hatte, riss Elli vor Staunen die Augen auf, doch sie fuhr unbeirrt mit dem Rezitieren der Verse fort. Die Luft um sie herum begann immer stärker zu vibrieren, und ein Summen erfüllte ihre Ohren. Sie glaubte, den Geruch von kaltem Metall wahrzunehmen, und die Farben an den Wänden verschwammen ineinander, als ob die Realität selbst den Halt verlor. Der Spiegel vor ihr flimmerte leicht, das Licht schimmerte wie Wellen, die an die Oberfläche eines stillen Sees schlugen.

Ein Gefühl des Fremden ergriff Elli, so stark, dass sie kurz den Atem anhielt.

Dann fuhr sie mit den Versen fort und als sie das Wort „glossai“ aussprach, spürte sie erneut dieses bekannte Kribbeln vom Anhänger in ihrer Hand und das sanfte Pulsieren, das ihren ganzen Körper durchzog. Das Innere des kleinen, kunstvollen Anhängers begann hell zu leuchten.

Ein anwachsendes Flimmern und Vibrieren erfüllte das Rabbit Hole, während Elli mit lauter Stimme weitersprach. Dann begann der Spiegel zu strahlen – in einem schimmernden Licht, das an die perlmuttfarbene Oberfläche des Ammolits erinnerte, aus dem ihre beiden magischen Schmuckanhänger gefertigt waren. Dieses Licht war jedoch wesentlich intensiver und erfüllte den Raum mit einem wild leuchtenden Flimmern und Flackern.

Im schillernden und strahlenden Spiegelglas vor Elli formte sich schließlich allmählich der Tunnel, den sie schon einmal gesehen hatte.

Der dunkle Durchgang begann sich erneut zu öffnen.

Nachdem die letzten Worte des Hohelieds verklungen waren, hatte sich der Tunnel ganz aufgetan und führte in eine tiefe Dunkelheit. Aus der Tunnelöffnung strömte eine eisige Kälte, die Elli nicht nur auf der Haut spürte, sondern tief in ihrem Inneren – dort hinterließ diese unwirkliche Kälte ein unheimliches, nagendes Gefühl.

Elli hielt einen Moment inne, ein tiefes Entsetzen hatte nach ihr gegriffen und wie ein rettender Anker formte sich in ihren Gedanken der Spruch von ihrem alten Kindheitsposter.
Grenzen sind nicht das Ende …“, flüsterte sie in die flimmernde Luft, „sondern der Anfang einer neuen Perspektive!“
Ihre Worte hallten in der vibrierenden Atmosphäre, als wolle der Raum selbst antworten.

Dann fasste Elli sich ein Herz und ging einen Schritt näher zum Portal. Sofort spürte sie wieder diesen unglaublich starken Impuls, in die Tunnelöffnung zu treten.

„Was liegt dahinter?“, fragte sie sich einen winzigen Augenblick lang. Doch die Antwort war nicht mehr wichtig.

Der Weg ist das Ziel – und der erste Schritt der Beginn von allem.

Diesmal kämpfte sie nicht gegen den Sog an, der sie in den Tunnel ziehen wollte. Doch mit jedem zögerlichen Schritt wurde das Grauen in ihr stärker, als ob eine unsichtbare Macht sie zurückhalten wollte. Ihre Haut prickelte unter diesen gegensätzlichen Kräften, und ihre Hände zitterten, während sie das Amulett fest umklammerte.

Während sie schrittweise weiter auf das Portal zuging, fürchtete sie, von den widerstreitenden Energien zerrissen zu werden. Die eisige Kälte drang tief in ihr Inneres, als wollte sie ihr den letzten Rest an Kraft nehmen, während der Sog des Portals unaufhaltsam an ihr zerrte.

Einen Moment lang glaubte sie, diesem Druck nicht standhalten zu können – doch dann spürte sie erneut das sanfte Pulsieren des Amuletts, wie eine Erinnerung daran, dass sie stark war.

Obwohl sie nur ein paar Schritte bis zum Spiegel gehen musste, keuchte Elli beinahe vor Anstrengung, als sie schließlich direkt vor dem Tunnel stand.

Schimmernder Nebel strömte ihr entgegen. Das Flimmern, das vom Portal ausging, lag auf ihrem Bewusstsein, und es fühlte sich an, als würde sie selbst und die Welt um sie herum zu flimmern beginnen. – Es war, als würde sie selbst eins werden mit etwas viel Größerem – wie ein Funke im Fluss des Ungreifbaren.

Sie wusste, dies war der Augenblick, der alles verändern würde. Mit einem letzten tiefen Atemzug trat sie in den Tunnel.

Kaum war sie eingetreten, war es, als würde sie die Schwelle zu einer völlig neuen Welt überschreiten. Die Kälte ließ ein wenig nach, aber das Grauen blieb: Es war ein unheimliches Flüstern, das tief in ihrem Inneren widerhallte. Gleichzeitig spürte sie das Leuchten des Amuletts wie einen stillen Schutzschild um sich.

Hier, zwischen Licht und Schatten, begann tatsächlich ihre Reise.

Sie fühlte sich nun selbst als Teil des starken Sogs, der sie unaufhaltsam weiter ins Dunkel zog. Die Welt um sie herum verschwamm, und sie wurde von einem düsteren, schimmernden Nebel eingehüllt.

Ein einziger Gedanke erfüllte sie: Dies war zwar das Ende von allem, was sie gekannt hatte, doch es war sicherlich auch der Anfang einer vielleicht gefährlichen, aber auch hoffnungsvollen Reise in eine Welt voller erstaunlicher Möglichkeiten.

In ihrem Inneren flammte die wilde Entschlossenheit, für die Heilung der Welt zu kämpfen. Und tief in ihrem Herzen trug sie die unerschütterliche Gewissheit, dass sie trotz ihrer einsamen, unglaublichen Bürde nicht allein war.

Es ist Zeit!

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