Szene 8. Eine verborgene Mission
Natali sitzt an ihrem Schreibtisch, das diffus flackernde Licht des Computerbildschirms erhellt ihr Gesicht. Die Uhr tickt beharrlich, die Dunkelheit draußen hat die Stadt fest im Griff. Plötzlich bricht das Vibrieren ihres Handys die Stille. Ein unbekannter Anrufer. Sie nimmt das Gespräch entgegen, ein Hauch von Unruhe in ihren Augen.
„Hallo?“, flüstert sie, während sie sich vergewissert, dass sie alleine im Raum ist.
„Hallo, Natali“, spricht die vertraute männliche Stimme von der anderen Seite. „Ist es ein guter Moment?“
Sie atmet hörbar aus. „Ja. Ich bin alleine.“
Eine kurze Pause entsteht, voller vorsichtiger Aufmerksamkeit.
„Wie geht es Ihnen mit dem Schreiben?“, fragt er schließlich.
Sie weiß, dass er nicht nur den Text meint.
„Es … ist in Bewegung.“, sagt sie. „Manches fügt sich. Manches wird bedeutender, je länger ich hinschaue.“
„Und Sie?“
Wieder entsteht eine abwägende Stille.
„Das Ganze ist für mich wie eine Antriebsquelle“, antwortet sie. „Es gibt gute und schlechte Tage. Aber es wird stetig besser. Im Moment zumindest.“
Am anderen Ende hört sie ein leises Einatmen.
„Das ist entscheidend“, sagt er ruhig. „Nicht, wie schnell Sie fertig werden. Sondern ob Sie bei sich bleiben.“
Natali dreht einen Stift zwischen den Fingern. „Es fühlt sich nicht an wie nur ein Roman“, sagt sie leiser. „Je tiefer ich grabe, desto mehr habe ich das Gefühl, dass ich damals etwas aufgespürt habe, das ungeheuerlich wirkt.“
„Das kann sein“, antwortet er bedächtig. „Aber vielleicht lag das an Ihrer damaligen Perspektive. Und jetzt sind Sie nicht mehr alleine in dieser Geschichte. Das ist ein Unterschied, oder?“
Sie schweigt.
„Ich frage mich manchmal“, fährt er fort, „ob wir hier einen zu schmalen Grat betreten haben. Aber ich sehe auch, wie Sie im Schreiben wertvolle Ressourcen finden.“
„Es ist wirklich das, was mich gerade über Wasser hält“, sagt sie.
„Dann gehen wir diesen Weg“, erwidert er. „Aber nicht um jeden Preis.“
Nicht um jeden Preis.
Das Wort hallt in ihr nach.
Natali schluckt. „Ich frage mich manchmal, was wohl passiert wäre, wenn ich bei meinen Recherchen für den Artikel nicht auf diese brisanten Hinweise gestoßen wäre.“
„Ich bin sehr froh, dass Sie diese Entdeckung gemacht haben. Hatten Sie eigentlich bereits erneuten Kontakt zum Informanten?“, fragt er und seine Stimme klingt dabei zögerlich.
„Nein, ich hoffe aber, dass ich bald von ihm höre“, antwortet sie und dreht nervös einen Stift in ihren Fingern.
„Das sind tatsächlich frappierende Informationen, die Sie damals gefunden haben. Wenn sich das bestätigt, dürfte man es nicht ignorieren.“
Nach einer kurzen Pause fügt er hinzu: „Wichtig ist aber, es einordnen zu können. Nicht, dass wir sofort handeln.“
„Und wenn es wirklich brisant ist?“, fragt sie.
„Wir müssten vorsichtig vorgehen. Aber dann dürften wir das nicht unter den Teppich kehren. Ich denke, wir würden schon einen guten Weg finden“, antwortet er ruhig. „Aber zuerst müssen Sie stabil bleiben. Sie sind die wichtigste Person in dieser Geschichte. Ohne Sie gibt es keine Aufklärung.“
Sie lächelt schwach. „Sie klingen, als würden Sie selbst zweifeln.“
Ein leises Lachen. „Zweifeln gehört manchmal dazu. Und manchmal ist es das Einzige, was uns vor Übermut schützt.“
„Der Austausch mit Gábor … äh … mit dem KI-System“, sagt sie zögernd, „hilft mir, die Dinge zu strukturieren.“
Ein kurzes Lachen ertönt. „Interessant, dass Sie sich an KI wenden, nach allem, was Sie darüber gedacht und schon veröffentlicht haben. Die Ironie.“
„Manchmal muss man seine Vorbehalte beiseitelegen, um ein größeres Ziel zu erreichen“, antwortet sie scharf. „Ich nutze jedes mir verfügbare Mittel, um das zu tun, was getan werden muss.“
„Ich hoffe, Sie verlassen sich nicht zu sehr darauf. KI hat ihre eigenen Tücken“, warnt er. „Sie sollten aufpassen, wem oder was Sie vertrauen.“
„Vertrauen?“, entgegnet sie mit einem leisen Lachen. „Vertrauen ist ein Luxus, den ich mir im Moment in dieser Geschichte nicht wirklich leisten kann. Glauben Sie mir. Das Schreiben ist wie ein Seiltanzakt, aber wenn ich es nicht hätte, wäre ich längst in einen Abgrund gefallen.“
„Und Sie haben ein Netz, Natali. Ich denke, Sie wissen, wem Sie vertrauen können. Ich bin zum Beispiel ebenfalls da. Aber …“, Natali hört ein leises Schnaufen in der Leitung. „Nun gut. Wenn das Risiko zu groß wird“, sagt er schließlich, „brechen wir ab. Achten Sie auf sich! Wir bleiben in Kontakt.“
„Ich melde mich“, sagt sie leise.
„Tun Sie das. Und schlafen Sie heute noch ein paar Stunden.“
Als das Gespräch endet, bleibt sie einen Moment reglos sitzen.
Dieses Projekt war nie einfach nur ein Roman.
Und während sie mit dem Schreiben fortfährt, spürt sie erneut diese seltsame Durchlässigkeit –
als würde sie nicht nur eine Geschichte formen,
sondern auch etwas in sich selbst neu ordnen.





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