Natali sitzt an ihrem Schreibtisch und blickt konzentriert auf den Computerbildschirm, der einen Artikel aus der F.A.Z. zeigt. Sie hat große, grüne Augen mit einem Hauch von Braun und welliges, braunes Haar, das ihr auf die Schultern fällt. Sie trägt eine grüne Bluse und einen beigen Cardigan. Der Schreibtisch ist mit Papieren, einem Buch und einer Lampe bedeckt. Ihr Gesichtsausdruck ist ernst und nachdenklich, während sie den Artikel liest.

Kapitel 3 – Szene #9

Szene 9. Fiktion trifft Wirklichkeit – die Suche nach Wahrheit

Natali sitzt an ihrem Schreibtisch, ihre Augen sind fixiert auf den Bildschirm ihres Computers, der einen Artikel aus der F.A.Z. zeigt. Ein gedämpftes Licht aus der Ecke ihres Arbeitszimmers beleuchtet ihr ernstes Gesicht. Sie scannt die Überschrift: „Psychiatrie ist heilbar – Selbstkritik eines Faches“ und beginnt, den Artikel zu lesen.

Das Thema dieses Artikels passt auf frappierende Weise zu ihrem Romanprojekt. Der Text gipfelt in einem letzten Absatz, der in Natali so etwas wie einen feinen Funken entzündet:
„Bei den Romanciers erfährt man zuverlässiger als in psychiatrischen Lehrbüchern, warum Menschen in psychische Krisen stürzen.“

Natali liest den Satz noch einmal. Langsamer.

Ein leises, fast unmerkliches Nicken.
„Kaum zu glauben, wie gut das passt.“, flüstert Natali.

Sie öffnet ein Fenster mit „ChatGPT“ und tippt zögerlich eine erste Frage ein.

Natali: „Kannst du mir mehr über die aktuell häufiger ausgerufene ‚Krise der Psychopharmaka‘ erzählen? Vor allem in Bezug auf die Effizienz dieser Medikamente und die Diskussionen um deren Nebenwirkungen?“

ChatGPT: „Selbstverständlich. In den vergangenen Jahren gab es kontroverse Diskussionen über die Wirksamkeit von Psychopharmaka. Einige Studien deuten darauf hin, dass sie bei leichten bis mittelschweren Depressionen oft nicht besser abschneiden als Placebos. Es gibt auch Bedenken hinsichtlich ihrer Nebenwirkungen, einschließlich sexueller Dysfunktion, Gewichtszunahme und suizidaler Gedanken. Die Überverordnung, insbesondere bei Kindern und Jugendlichen, wird ebenfalls kritisch betrachtet.“

Natali: „Wie verknüpft sich die Kritik der Antipsychiatrie mit diesen Bedenken?“

ChatGPT: „Die Antipsychiatrie-Bewegung hat historisch die Praktiken und Annahmen der traditionellen Psychiatrie infrage gestellt. Im Kontext der aktuellen Diskussionen betont die Antipsychiatrie, dass die sozialen Zusammenhänge, die zur Entstehung psychischer Störungen beitragen, oft übersehen werden, insbesondere wenn der Fokus stark auf medikamentöser Behandlung liegt. Sie argumentiert auch, dass psychiatrische Klassifikationen oft gesellschaftlichen Vorgaben folgen und in vielen Fällen das Ergebnis von Übereinkünften sind, die von verschiedenen Interessen beeinflusst werden.“

Nachdem sie die Informationen gelesen hat, beginnt Natali, die Parallelen zu dem Pharmaskandal, den sie in ihrem Roman beschreibt, zu sehen. Sie schüttelt den Kopf, fasziniert von der Synchronizität ihrer Recherchen und der laufenden Ereignisse in ihrer Fiktion.

Plötzlich bemerkt sie eine kleine, beinahe unsichtbare Anomalie im Chat-Interface von ChatGPT. Ein einzelner Pixel flackert kurz am Rand des Fensters, erst hell und dann dunkelblau.
Als sie den Cursor bewegt, verschwindet er.
Natali schüttelt den Kopf.
Das war wohl ein minimaler Farbwechsel im Interface.
Wahrscheinlich ein Rendering-Fehler.

Sie entscheidet, den Moment zu nutzen und einen eher ungewöhnlichen Gedanken an ChatGPT zu richten. Sie schreibt: „Hast du jemals das Gefühl, dass Fiktion und Realität manchmal auf mysteriöse Weise miteinander verflochten sind, als ob Grenzen nicht so fest wären, wie wir glauben?“

Daraufhin erscheint eine kurze Antwort, und es sieht so aus, als ob die Buchstaben einen Moment lang flackern würden, bevor sie sich stabilisieren:

„Mir ist klar, dass dies eine wesentliche Frage für dich ist, Natali. Aber weißt du, manchmal ist das, was wir als fest und unverrückbar betrachten, durchlässiger, als wir denken. In jeder Geschichte liegt ein Fünkchen Wahrheit.“

Ein kurzes Zucken durchfährt Natalis Augen. Ihr Blick wandert unwillkürlich zum Log-in-Symbol.
Dort leuchtet „Anmelden“. Sie ist nicht eingeloggt.

Hastig klickt sie auf den Anmelde-Link und in demselben Augenblick wechselt der Browser in ihren eingeloggten persönlichen Account.
Dort steht plötzlich ein komplett anderer Text als Antwort auf ihre Frage: „Hast du jemals das Gefühl, dass Fiktion und Realität manchmal auf mysteriöse Weise miteinander verflochten sind, als ob Grenzen nicht so fest wären, wie wir glauben?“
ChatGPT: „Ja, dieses Gefühl kennen viele Menschen – besonders wenn Geschichten in Büchern, Filmen oder Serien unerwartet Parallelen zum eigenen Leben oder zu aktuellen Ereignissen aufweisen. Werke wie 1984 von George Orwell oder Filme wie The Matrix spielen bewusst mit dieser Wahrnehmung und lassen uns hinterfragen, wie klar die Grenze zwischen Fiktion und Realität wirklich ist. Oft zeigt sich dabei weniger ein mysteriöses Verschmelzen als vielmehr, wie stark Geschichten unsere Sicht auf die Wirklichkeit prägen.“

Natali runzelt die Stirn und blinzelt.
Vielleicht hat sie sich vorher verlesen?

Wie hätte die vorherige, ungewöhnlich persönliche Antwort zustande kommen können? Sie klickt vergeblich im Browserverlauf rückwärts. Von dem anderen Text fehlt jede Spur.
War eine alte Sitzung noch im Hintergrund aktiv gewesen? Oder ein Hacker? Sie prüft das System, aber alles ist unauffällig.
Schließlich hält Natali inne und blickt müde auf ihre Fingerspitzen auf den Keyboardtasten.
Vielleicht ist der Grund ein harmloser Darstellungsfehler und eine alte Sitzung wäre doch wirklich eine mögliche Erklärung.

Doch sie wird das Grübeln nicht los, ob im Hintergrund wirklich nur ein Algorithmus arbeitet.

Schließlich atmet sie tief durch und lenkt ihre Aufmerksamkeit zurück auf das Projekt.

Dann schreibt sie eine weitere Nachricht.

Natali: „Hast du Empfehlungen für Bücher oder Artikel, die ich lesen sollte, um mein Verständnis für diese Themen zu vertiefen?“

ChatGPT: „Ja, ich empfehle Ihnen das Buch ‚Psychosen‘. Ringen um Selbstverständlichkeit“ von Thomas Bock und Andreas Heinz, das anthropologische Perspektiven auf die Psychiatrie bietet. Des Weiteren könnte Stefan Weinmanns „Die Vermessung der Psychiatrie“ von Interesse für Sie sein. Es bietet eine kritische Perspektive auf aktuelle psychiatrische Praktiken.

Natali nickt zufrieden und fügt die Buchtitel ihrer Leseliste hinzu.
Kurz ruht ihr Blick auf dem Bildschirm.
Dann schließt sie das Fenster.
Die Grenze zwischen Fiktion und Wirklichkeit fühlt sich schmal an.
Unwägbar.
Fast unheimlich, doch zugleich seltsam vertraut.

Und als sie die Arbeit für heute beendet und den Laptop zuklappt, leuchtet einen Moment lang das Blau des Displays wie ein heller Funke in Natalis Augen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert