Szene 14. Grenzen der Liebe – ein Abend am Kamin
Die Holzscheite im Kamin knacken und werfen ein flackerndes Licht auf das in Gedanken versunkene Paar, das in gemütlichen, breiten Sesseln davor sitzt. Natali blickt in die Flammen, während sie die wärmenden Worte der Poesie in ihren Händen hält. Die Seiten ihres Buches sind von der Hitze leicht gewellt, und das Papier fühlt sich warm an, als sie es umblättert. Ab und zu streicht sie nachdenklich über den Buchrücken, ein Zeichen ihrer inneren Unruhe.
Neben ihr sitzt ihr Mann, vertieft in Ovids
„Metamorphosen“. Er scheint ganz in den antiken Versen verloren zu sein, ein Lächeln umspielt seine Lippen, während er liest. Natali weiß, wie sehr er es genießt, solche klassische Texte mit seinen fortgeschrittenen Lernenden zu behandeln.
Sie seufzt leise und klappt ihr eigenes Buch zu. „Ich möchte dich nicht stören, aber ich bin neugierig, was du da gerade liest“, sagt sie und schaut ihn neugierig an. „Ich war gestern in der Bibliothek und habe mich mit klassischen Themen der Philosophie befasst. Es war hochinteressant, und ich habe einige Impulse für meine Geschichte gesammelt.“
Er sieht auf, seine Augen leuchten im Schein des Kamins. „Ich lese gerade einen Abschnitt über Verwandlungen. Über das Überschreiten von Grenzen. Es ist faszinierend.“
Natali denkt einen Moment nach. „Die Themen, mit denen ich mich beschäftigt habe, waren unter anderem ‚Liebe‘ und ‚Resonanz‘ aus philosophischer Sicht. Aber das sind sehr komplexe Begriffe. Manchmal fühle ich mich überwältigt von all den verschiedenen Interpretationen und Meinungen.“
Ihr Mann legt sein Buch beiseite und blickt tief in die Flammen. „Mir fällt dazu ein alter weiser Spruch ein: Wahre Liebe erkennt sich in den Augen des Anderen.“
Nach einem Moment des Nachdenkens steht er auf, geht zu ihr hinüber und setzt sich neben sie in den breiten, gemütlichen Sessel. Mit einer beinahe väterlichen Geste nimmt er ihre Hände in die seinen.
„Zwischen deinen Recherchen und meinen ‚Metamorphosen‘ gibt es vielleicht mehr Verbindung, als du denkst“, sagt er ruhig. „Ovid schreibt von Verwandlungen – vom Überschreiten von Grenzen. Aber jede Verwandlung braucht eine Form.“
Beide rücken näher zusammen und blicken nachdenklich in die Flammen.
Dann sagt Natalis Mann mit gedämpfter Stimme: „Alles im Leben hat Grenzen, Natali. Auch die Liebe. Vielleicht gerade sie. Grenzen geben ihr Gestalt. Ohne sie verliert sie sich.“
Seine Stimme bleibt sanft, fast erklärend.
„Es geht um Balance. Wenn wir zu weit gehen, riskieren wir, den Funken zu verlieren, der uns Orientierung gibt. Dieser Funke lässt uns in Resonanz treten. Er verbindet – aber er schützt auch. Er erinnert uns daran, wo wir enden und der andere beginnt.“
Natali spürt, wie sich etwas in ihr löst.
Eine Träne glitzert im Schein des Kamins.
„Natürlich ist Selbstliebe eine Voraussetzung für Liebe“, flüstert sie nach einer längeren Pause wie zu sich selbst. Einen Moment lang wirkt sie unsicher. „Vielleicht verliere ich das manchmal aus dem Blick …“, sagt sie mit nachdenklicher Stimme, richtet sich auf und blickt ihm bedrückt in die Augen.
Ihr Mann nickt lächelnd. „Manchmal vielleicht. Aber ich weiß wohl am besten, dass deine Liebe trotzdem tapfer durchhält.“
Ein subtil verschmitztes Lächeln huscht über sein Gesicht, während er sie wieder näher zu sich zieht.
Natalis Lächeln ist noch immer nachdenklich, als sie ihren Kopf an seine Schulter lehnt. Zusammen blicken sie schweigend in die Flammen, die im Kamin tanzen.





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