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Stig stand am Fenster und starrte in den vom Mondlicht erleuchteten Garten. Die Lichter der Stadt funkelten in der Ferne, doch in ihm herrschte ein kaum zu ordnendes Geflecht aus Sorgen und Ängsten. Die Wohnung war still, nur das leise Summen des Kühlschranks war zu hören. Elli schlief bereits, ihre gleichmäßigen Atemzüge drangen gedämpft zu ihm. Doch für Stig war an Schlaf nicht zu denken.
Er dachte an die bevorstehende Krisensitzung von Ellis Team in Berlin. Die schockierenden Enthüllungen über MedüX Pharma hatten ihn tief erschüttert. In seinem Inneren tobte ein zermürbendes Zerren zwischen gegensätzlichen Impulsen. Er hatte zugestimmt, Elli zu unterstützen, doch jede Faser seines Seins wollte sie aus dieser Gefahr herausholen. Er konnte nicht ertragen, dass sie sich solchen Risiken aussetzte. Es war, als würde er erneut an den Rand des Abgrunds geführt werden – dorthin, wo er schon einmal gestanden hatte.
Stig erinnerte sich an die Zeit, als er selbst in Schwierigkeiten geraten war. Seine Vergangenheit war eine ständige Last auf seinen Schultern. Der Alkohol, der ihn trösten sollte, hatte ihn als jungen Menschen in die Dunkelheit geführt. Er hatte Anja getroffen, eine ebenso verlorene Seele, und gemeinsam hatten sie sich immer tiefer in den Abgrund gezogen. Stig schloss die Augen und seufzte leise.
Er fühlte sich verantwortlich dafür, wie weit sie gefallen war. Der regelmäßige Griff zu Hochprozentigem war zunächst von ihm ausgegangen. Doch sie hatte es nicht dabei belassen, und als sie schließlich vollends abgestürzt war, hatte er sie im Stich gelassen. Der Gedanke daran quälte ihn bis heute.
Aber es hätte ihn selbst genauso gut erwischen können. Am Ende hatte er einfach mehr Glück gehabt und einen Weg aus der Dunkelheit gefunden. Menschen geraten manchmal an den Rand des Abgrunds – besonders in der Jugend.
Stig dachte an Leon, seinen Schüler, der ihn an sein jüngeres Ich erinnerte. Leon war ein unsicherer Junge, der sich hinter einer Fassade aus Gleichgültigkeit und Rebellion versteckte. Stig sah so viel von sich selbst in ihm – die gleichen Fehler. Die gleichen Ausreden. Leon nutzte Alkohol, um seine Ängste zu betäuben, genauso wie Stig es getan hatte. Doch jedes Mal, wenn Stig versuchte, Leon zu helfen, stieß er auf Ablehnung. Leon sah ihn als autoritäre Figur, die ihn nicht verstehen konnte.
Stig spürte die Wut in sich aufsteigen. Er hasste diese Mischung aus Gleichgültigkeit und Selbstzerstörung. Er konnte sich nicht entscheiden, ob er Leon helfen oder ihn für seine Dummheiten bestrafen wollte.
Stig schnaufte und runzelte die Stirn. Er wusste auch, dass sein Hass auf Leon nur ein Spiegel seiner eigenen Selbstvorwürfe war. Leon war ihm ähnlich, er kam aus einer zerrütteten Familie, genau wie Stig.
Alkohol und Zigaretten hatten Stigs Kindheit und Jugend geprägt. Außerdem hatten ständiger Streit und manchmal sogar Gewaltausbrüche, Seitensprünge in der Partnerschaft, mangelnde Ordnung in der Wohnung und sonstiges Chaos zum gewöhnlichen Alltag in seinem Elternhaus gehört.
Manche würden dafür einfach das Wort „Unterschicht“ benutzen.
Ein ironisches Lächeln glitt über Stigs Gesicht – denn im Gegensatz zu Leon stammte er aus sehr wohlhabenden Verhältnissen.
Als ob das etwas bedeutete.
Stig schnitt eine Grimasse und rieb sich die Schläfen, während Bilder aus seiner familiären Vergangenheit in ihm aufstiegen.
Er schüttelte den Kopf und blickte durch das Fenster in den klaren Sternenhimmel. Seine Gedanken wanderten zurück zu Elli. Auch ihre Vergangenheit hatte starke Züge einer zerrütteten Kindheit. Er drehte sich um und blickte liebevoll zum Bett, in dem Elli friedlich schlief. Sie war seine große Liebe, sein Halt – und zugleich das, was ihn am verletzlichsten machte. Der Gedanke, sie zu verlieren, ließ ihn fast verzweifeln. Er wusste, wie wichtig ihr der Kampf gegen MedüX Pharma war. Für Elli ging es dabei um mehr als Gerechtigkeit. Es war für sie auch ein Weg, ihre eigenen Dämonen zu besiegen.
Doch Stig konnte nicht anders, als sich Sorgen zu machen. Jede Drohung, jeder Hinweis auf Gefahr ließ seine Verlustängste ins Unermessliche steigen.
Stig seufzte tief und rieb sich die Augen. Er musste einen Weg finden, um stark für Elli zu sein, ohne sie in ihrer Freiheit einzuschränken. Er musste lernen, seine eigenen Ängste zu kontrollieren und nicht auf sie zu projizieren. Doch das war leichter gesagt als getan.
Die Schatten seiner Vergangenheit waren allgegenwärtig.
Langsam und möglichst leise, um sie nicht aufzuwecken, ging er vom Fenster durch das Zimmer zu Elli. Er setzte sich vorsichtig auf die Bettkante und beobachtete Elli im Schlaf. Ihr Gesicht wirkte friedlich, frei von den Sorgen des Tages. Stig spürte einen Stich in seinem Herzen. Er beugte sich vor und küsste sie sanft auf die Stirn.
„Ich werde dich beschützen, Elli“, flüsterte er leise.
„Egal, was passiert. Ich werde immer für dich da sein.“
Mit diesen Worten legte er sich neben sie und zog sie sanft in seine Arme. Die Wärme ihres Körpers beruhigte ihn ein wenig. Er wusste, dass der Weg vor ihnen schwierig sein würde. Aber er würde an ihrer Seite bleiben.
In dieser Nacht schwor er sich, seine eigenen Dämonen zu bekämpfen, um für Elli stark zu sein. Er würde lernen, seine Ängste zu überwinden, und einen Weg finden, seine Vergangenheit hinter sich zu lassen.





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