Ein junger Mann mit auffälligen, orange gefärbten Haaren und umfangreichen, floralen Tattoos auf Armen und Hals diskutiert leidenschaftlich mit einem zweiten Mann, der die Arme verschränkt hält und aufmerksam zuhört. Im Hintergrund steht eine Frau, die besorgt das Geschehen beobachtet. Die Szene spielt in einer belebten städtischen Umgebung bei Dämmerung.

Kapitel 10 – Initial

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Die Sonne war hinter den Hochhäusern von Essen verschwunden. Die Dämmerung legte sich wie ein grauer Schleier über die Dächer und Straßen, und mit ihr eine nächtliche Unruhe der Stadt, die stetig im Hintergrund rauschte und sich doch nicht greifen ließ.

Elli, Lio und Dimi standen in einer belebten Fußgängerzone, umgeben von Passanten, die geschäftig an ihnen vorbeieilten. In ihren Händen hielten sie Stapel von Flyern mit Informationen über die Patientenbewegung „Psychiatrie mit Menschlichkeit“.

Die drei arbeiteten seit Stunden unermüdlich daran, die Flyer zu verteilen, doch die Anspannung zog sich wie ein Riss durch ihren scheinbar so alltäglichen Aktivismus – jederzeit bereit, weiter aufzubrechen. Das Thema MedüX Pharma hing unausgesprochen und bedrohlich in der Luft. Lio schien trotz allem vor Energie zu sprühen und verwandelte die Anspannung in rastlosen Einsatz für ihre Bewegung. Dimi war deutlich zurückhaltender und wirkte noch immer besorgt. Elli versuchte, zwischen den beiden zu vermitteln, doch ihre eigene Unruhe ließ sich nicht verbergen.

„Wir müssen dieses Risiko eingehen“, sagte Lio schließlich, als für einen Moment keine Passanten in der Nähe waren. Er war gerade damit beschäftigt, einen neuen Karton Flyer aufzubrechen. „MedüX Pharma muss zur Rechenschaft gezogen werden. Diese Daten könnten Tausende Leben retten.“

Dimi schüttelte den Kopf und warf einen besorgten Blick auf eine Gruppe Passanten, die sich ihnen näherte. Er dämpfte die Stimme und fuhr fort: „Aber wir reden hier von einem illegalen Hack, Lio. Wenn das rauskommt, sind wir erledigt. Komplett. Unsere Security-Jobs können wir vergessen. Dann vertraut uns niemand mehr. Niemand.“

Elli versuchte, ruhig zu bleiben, doch ihre Stimme zitterte leicht. „Dimi hat recht. Wir müssen vorsichtig sein. Wir haben bereits Drohungen erhalten. Was, wenn wir scheitern? Was, wenn wir erwischt werden? Und wenn alles umsonst war? Und wir am Ende auch noch als Kriminelle dastehen?“

Lio trat einen Schritt näher, seine Augen funkelten vor Entschlossenheit. „Und was, wenn wir nichts tun? Die Leute haben ein Recht zu wissen, was MedüX Pharma ihnen antut. Wir können nicht einfach zusehen.“

Lios Stimme war lauter geworden, einige Passanten drehten sich bereits nach ihnen um.

Dimi verschränkte die Arme vor der Brust und seufzte. „Du hast selbst noch gezögert, Lio. Noch vor Kurzem. Plötzlich bist du so entschlossen. Was, wenn am Ende jemand von uns wirklich Schaden nimmt? Das war keine leere Drohung, die wir erhalten haben.“

Lio wirkte jetzt aufgebracht. Er legte einen Stapel Flyer zur Seite und machte ein paar Schritte auf Dimi zu. „Du jammerst immer nur von Bedrohung und Risiko, Dimi! Du willst dich wegducken. Angst haben. Nichts tun. Bitte, dann mach das! Aber was ist dann mit den Menschen, die im Moment jeden Tag die Pillen schlucken, die Pillen von diesem Piratenkonzern, und dadurch wirklich Schaden nehmen? Ist dir das egal? Kannst du dann ruhig schlafen?“, fragte er mit blitzenden Augen.

Eine junge Frau, die sich eigentlich für einen der Flyer interessiert hatte, wich zurück, machte ein erschrockenes Gesicht und entschied sich, lieber schnell weiterzugehen. Elli trat beschwichtigend zwischen die beiden und deutete auf die Frau, die fluchtartig die Szene verließ. „Meint ihr nicht, dass es etwas unangebracht ist, das hier so lautstark zu diskutieren?“, fragte sie.

Lio und Dimi reagierten beide etwas betroffen. „Du hast recht, Elli. Wir gehen alle im Moment auch zu sehr auf dem Zahnfleisch. Lass uns die Diskussion verschieben“, sagte Lio.

Dimi schnaufte nur und machte sich auf den Weg, einer Gruppe interessierter Leute ein paar Flyer in die Hand zu drücken.

Lio strich seine orange gefärbten Haare aus dem Gesicht und blickte Elli mit einem sehr ernsten Ausdruck an. „Elli, du weißt, dass ich nicht leichtfertig bei so etwas bin.“
Er zögerte einen Moment.
„Ich habe mir geschworen, niemals auf die andere Seite zu wechseln. Niemals der zu werden, vor dem ich selbst immer gewarnt habe.“
Er atmete hörbar aus.
„Ein solcher Hack ist gegen alles, was mir heilig ist.“
Nach einer kurzen Pause ergänzte er: „Aber ich sehe keinen anderen Weg.“

Elli presste kurz die Lippen aufeinander, als würde sie gegen etwas in sich selbst ankämpfen.
„Ich sehe auch keinen anderen Weg, Lio.“
Ihre Stimme wurde leiser.
„Und genau das macht mir Angst.“
Sie fuhr sich nervös mit beiden Händen durch ihr wuscheliges, schwarzes Haar.
„Mir gefällt das nicht. Aber … im Grunde steht es für mich längst fest.“
Nachdem sie das gesagt hatte, ließ Elli ihren Blick zu Dimi wandern, der auf der anderen Straßenseite betont in die entgegengesetzte Richtung nach interessierten Passanten Ausschau hielt.
„Und Dimi weiß es auch …
Er will es nur nicht wahrhaben“, fügte sie mit einem leisen Seufzer hinzu.

Den restlichen Tag über vermieden sie das Thema, um sich weitere Auseinandersetzungen zu ersparen. Doch jedem von ihnen war anzusehen, dass ihre Gedanken ständig um die schwierige Entscheidung kreisten, die vor ihnen lag.

Sie waren in etwas hineingeraten, das ihre Zukunft erschüttern konnte. Und tief in ihnen hallte eine Frage nach, die sich nicht mehr verdrängen ließ:

Was, wenn am Ende jemand von uns wirklich Schaden nimmt?

In der Ferne flackerte das Licht einer Straßenlaterne, und über den Dächern der Hochhäuser schimmerte in dieser Nacht ein sternklarer Himmel – unberührt vom unruhigen Rauschen der Stadt.

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