Szene 38. Meeresflüstern und Seelenresonanz bei Aura auf Norderney
Norderney war für Elli seit jeher ein besonderer Rückzugsort.
Zwischen Dünen, Wind und Meer lebte Aura Nakoma, ihre Brieffreundin aus Kindheitstagen.
Trotz der Jahre und der seltener gewordenen Briefe war ihre Verbindung unvermindert stark geblieben.
Aura war in jeder Hinsicht einzigartig.
Sie stammte aus einem wohlhabenden, ungewöhnlichen Umfeld – doch es war nicht ihre Herkunft, die sie auszeichnete, sondern ihre künstlerische Seele, ihre Fähigkeit, Emotionen in Kunst zu verwandeln.
Ihr Zuhause, ein sorgfältig renoviertes Bauernhaus, lag eingebettet in die stille Umarmung der Dünen nahe dem Strand.
Neben dem Wohnhaus stand ein Atelier, und etwas abseits ein Pferdestall – Ausdruck ihrer beiden großen Leidenschaften: Kunst und Reiten.
Wenn Elli und Stig die Insel besuchten, parkten sie ihr Wohnmobil neben Auras Atelier.
Von dort aus lag das Meer offen vor ihnen, eingerahmt von Dünen.
Die Tage vergingen in einer Mischung aus Stille und Gesprächen – genährt von Auras Kunst und der Weite der Landschaft.
An diesem Tag schlenderten Aura und Elli am Strand entlang, während Stig im Wohnmobil blieb, um zu arbeiten.
Luna lief freudig voraus, zeichnete flüchtige Spuren in den Sand und jagte den Möwen nach.
Während sie gingen, wurde ihr Gespräch still und tiefer als sonst.
„Elli, ich habe bei dir oft das Gefühl, dass du immer kämpfen musst. Als würdest du mit aller Kraft versuchen, etwas in der Welt zu reparieren.“
Aura blickte auf die Wellen, die sich am Ufer brachen.
„Du suchst ständig nach der Heilung der Welt. Und dabei … vergisst du dich selbst.“
Elli seufzte leise.
„Nach dem, was auf dem Psychiatrie-Kongress passiert ist … und nach den Angriffen auf meine Freunde …“ Sie schüttelte ein wenig den Kopf.
„Ich kann gerade nicht anders, Aura. Ich habe das Gefühl, ich muss etwas tun.
Ich kann nicht nur in mich hineinhorchen – ich muss auf das schauen, was da draußen falsch läuft und repariert werden muss.“
Aura sah Elli nachdenklich an.
„Ich glaube, unser Weg hat viel damit zu tun, eine Mitte zu finden. Den Blick nicht nur nach außen zu richten, sondern auch nach innen.“
Sie zögerte kurz.
„Manchmal frage ich mich, ob du so viel nach außen gehst, weil du nicht nach innen schauen willst.“
„Ich verstehe dich, wirklich…“ Elli hockte sich hin und half Luna etwas Seetang loszuwerden, der sich in ihrem Fell verfangen hatte. Dann stand sie auf und blickte Aura fest an. „Aber es fühlt sich gerade alles so dringend an, Aura. Es passiert so viel. Ich kann nicht einfach nur zusehen.“
„Ja… du hast recht“, sagte Aura leise. „Es gibt so viele Wunden in dieser Welt. So vieles ist aus dem Gleichgewicht geraten.“
Sie ließ den Blick über das Meer schweifen.
„Aber ich glaube, wir können die Welt nicht im Großen heilen. Nur in kleinen Gesten. Vielleicht, indem wir so etwas wie Botschafter der Liebe sind.“
Sie lächelte leicht.
„Das versuche ich in meinen Bildern. Auch wenn man es ihnen nicht immer ansieht.“
Elli nickte langsam.
„Ich bewundere das wirklich an dir, Aura …“
Sie zögerte einen Moment.
„Aber manchmal habe ich das Gefühl, dass ich mehr tun muss. Viel mehr.“
„Ich glaube auch, dass die Welt Heilung braucht. Wirklich“, sagte Aura leise.
„Aber ich meine nicht das Universum … sondern die Menschenwelt.“
Sie blickte hinaus aufs Meer.
„Ich habe oft das Gefühl, dass die Menschheit an sich selbst erkrankt ist.“
Eine kurze Pause.
„An Unmenschlichkeit. Daran, dass wir die Verbindung zueinander verlieren. Dass wir die Resonanz verlieren.“
Sie seufzte leise.
„Und bitte nimm mir das nicht übel, Elli …“
Für einen Moment sagte sie nichts und warf Elli einen prüfenden Blick zu, als würde sie zögern.
Dann senkte sie den Blick.
„Aber manchmal habe ich das Gefühl, dass du daran auch erkrankst. An der Welt – und ein Stück weit auch an dir selbst.
Und dass du dabei die Verbindungen verlierst. Die Resonanzen.“
Sie blickte Elli sehr direkt an und sagte mit fester Stimme:
„Elli, ich denke, du übersiehst deine eigenen Wunden, weil du ständig versuchst, die Welt zu heilen.“
„Ich weiß, dass du dir Sorgen machst, Aura…“
Elli atmete kurz durch.
„Aber ich fühle, dass das gerade meine Mission ist. Dass ich jetzt nach außen gehen und handeln muss.“
Sie sah Aura fest an.
„Wir sind längst an einem Punkt, an dem uns der Gegner in die Ecke gedrängt hat. Wenn wir jetzt nachgeben, sind wir ihm ausgeliefert.“
Aura runzelte leicht die Stirn.
„Mir fällt dazu ein alter, weiser Spruch ein:
Jeder kleine Schritt zur Heilung der Welt beginnt bei uns selbst.“
Eine kleine Pause folgte. Das Säuseln des Windes, die Brandung und ferne Rufe der Möwen waren zu hören.
Aura machte einen Schritt auf Elli zu, lächelte und legte ihr sanft die Hand auf die Schulter.
„Vielleicht wäre es gut, wenn du zuerst nach Heilung für dich suchst … und dich dann um die Welt kümmerst.“
Eine kurze Pause. Aura lächelte ein wenig verschmitzt.
„Sei erst einmal … selbstmenschlich, Elli.
Dann kannst du auch wirklich mitmenschlich sein.“
„Ich nehme mir das zu Herzen, Aura. Wirklich …“ Elli sah ihre Freundin an, doch ihr Blick wirkte für einen Moment leicht abwesend. „Aber bitte entschuldige …“ Sie strich sich eine Strähne aus dem Gesicht. „In meinem Kopf ist gerade einfach so viel los.“
Aura blickte Elli nachdenklich an.
„Die wahre Kunst des Lebens ist es, zur richtigen Zeit die passenden Töne zu treffen …“
Sie lächelte leicht.
„Wie eine gemeinsame Melodie. In Resonanz mit der Welt.“
Eine kurze Pause.
„So etwas wie ein Gleichgewicht. … Das versuche ich auch in meinen Bildern – mit Farben, mit Komposition.“
Sie sah wieder zum Meer.
„Es ist wie ein gemeinsamer Gesang … oder ein Zwiegespräch.“
Elli lächelte leicht.
„Das ist eine schöne Vorstellung, Aura …“
Während die beiden Freundinnen weiter den Strand entlang gingen, spürte Elli plötzlich eine sanfte Brise, die nicht vom Meer stammen konnte. Es war, als läge etwas in der Luft – warm und durchdringend, fremd und zugleich vertraut.
Im nächsten Moment war es wieder vorbei, und Elli spürte nur noch den kühlen Meereswind auf ihrem Gesicht und in ihrem Haar.
Im nächsten Moment drehte sich Aura, tänzelte leichtfüßig mit ausgebreiteten Armen im Kreis über den Strand.
„Für mich ist Resonanz mit der Welt – mit dem Leben, den Menschen, der Natur – wie ein Lebensfunke in mir“, sagte sie.
„Etwas, das ich behüte … und aus dem ich Kraft schöpfe.“
Sie blieb stehen, wandte sich Elli zu und lächelte sie freundlich an.
Elli nickte und lächelte zurück.
„Ich glaube, ich verstehe, was du meinst …“
Sie zögerte kurz.
„Ich trage auch so einen Funken in mir. Aber ich habe immer das Gefühl, ich muss ihn weitergeben. Mit anderen teilen.“
„Das weiß ich, Elli“, sagte Aura leise.
„Du suchst die Verbindung nach außen. Du willst, dass alles gut wird.“
Sie lächelte sanft.
„Und genau deshalb bist du so, wie du bist.“
Eine kurze Pause.
„Aber ein Funke kann zum verzehrenden Feuer werden …“
Sie sah Elli ruhig an.
„wenn er nicht behütet wird.
Im Inneren – und auch außerhalb.“
Elli wurde ernst. „Ich habe diese Unruhe schon seit meiner Kindheit …“ Sie suchte kurz nach Worten. „Als hätte ich eine Botschaft in mir, die unbedingt hinaus will. Aber ich wusste nie, an wen ich mich wenden sollte.“
Für einen Moment sagte sie nichts.
„Oder vielleicht wusste ich … dass ich sowieso nicht gehört werde.“ Elli blickte vor sich auf den Sand. „Und ich wusste nicht einmal, was diese Botschaft eigentlich ist.“
Sie blieb stehen und blickte nachdenklich auf das weite Meer hinaus. Am Himmel zogen Wolkenfetzen zwischen denen Sonnenstrahlen hindurchbrachen und die Meeresoberfläche schillern ließen. „Manchmal fühlte es sich an, als würde ich sie die ganze Zeit in ein leeres, tonloses Vakuum schreien.“
Ein schwaches, melancholisches Lächeln huschte über Ellis Gesicht. „Vielleicht habe ich deshalb angefangen zu schreiben.“
„Elli … ich verstehe diese Unruhe“, sagte Aura leise.
„Wirklich … Jeder hat seinen eigenen Weg, mit diesem Funken umzugehen. Ihn zu schützen … und ihn zu teilen.“
Sie lächelte sanft.
„Vielleicht ist das deiner. Durch Worte. Durch das, was du tust.“
Dann legte Aura tröstend einen Arm um Ellis Schulter.
Elli lehnte sich dankbar an ihre Freundin, als beide langsam weitergingen.
Luna umrundete sie fröhlich und rannte zwischendurch immer wieder übermütig zur Brandung, um mit den Wellen zu spielen.
Im Weitergehen ergänzte Aura:
„Ich bin hier. Auch wenn wir die Dinge manchmal unterschiedlich sehen.“
Elli nickte und lächelte dankbar. „Danke, Aura. Es bedeutet mir viel.“
Die beiden Frauen gingen weiter, ihre Schritte im Rhythmus der Wellen.
Luna kehrte zu ihnen zurück, bellte fröhlich und lief wieder voraus, als wolle sie die Schwere des Moments einfach forttragen.
Aura lachte leise, kniete sich hin und strich ihr über das Fell.
„Manchmal wünschte ich, ich könnte die Dinge so sehen wie sie“, sagte sie und blickte zu Elli auf.
„Einfach da sein.“
Elli schmunzelte. „Ja… vielleicht.“
Für einen Moment blieben sie stehen, ließen den Wind durch ihre Haare streichen und hörten dem Meer zu.
Dann gingen sie langsam zurück – jede mit ihren eigenen Gedanken.
Und doch verbunden.




